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Vorbemerkung

Heimorgeln waren in den Sechziger- und Siebziger­jahren des letzten Jahr­hunderts recht weit ver­breitet. Es waren meist recht große Möbel aus furnier­tem Press­span mit zwei bis drei Manualen und einer kleineren Peda­lerie. Dazu kamen die unter­schiedlich­sten Regis­trierungen für die je­weiligen Spiel­bereiche, oft noch angelehnt an Be­zeichnun­gen echter Pfeifen­orgeln - Tibia, Fagott, Klari­nette, Oboe, Dia­pason - zusammen mit den Größen­angaben der Pfeifen in Fuß (von 2' bis 16' in Zweier­poten­zen) für die Oktave. Außerdem gab es noch einige Effekte, die zu­geschaltet werden konnten: Hall (Reverb), Repeat (Per­cussion, Reiterate), Sustain lang/kurz, Vibrato, Tremolo, Leslie. Manche dieser Ko­losse hatten auch noch Be­gleit­auto­matiken, wie etwa eine Rhyth­mus-Ab­teilung, automatische Akkorde, Walking Bass und ähnliche Spezi­alitäten. Was noch? Ein Schweller­pedal zur Ein­stellung der Ge­samt­laut­stärke, ein Netz­schalter, ver­schie­dene Dreh­knöpfe oder Schiebe­regler für diverse Aufgaben. Viele hatten einen Deckel oder einen Roll­laden gegen den Staub (oder weil's die Dame des Hauses einfach schicker fand), dazu noch einen Noten­halter und even­tuell eine Be­leuch­tung, damit man die Tasten auch im Dunkeln findet.

So ein Trumm (ich spreche hier nicht von Hammond-Orgeln, die gehören zur Super­schwer­gewichts­klasse) musste im Bedarfsfall von zwei kräftigen Männern trans­portiert werden - das Gewicht bewegte sich meist zwischen 80 und 200 Kilo­gramm pro Stück, je nachdem, wie viel Hard­ware verbaut worden war. Die frühen Modelle waren noch mit Elek­tronen­röhren für Gleich­richtung, Ton­erzeu­gung und Ver­stär­kung bestückt. Die brauchten dann auch größere und schwerere Netz­teile. Ab Mitte der Sech­ziger­jahre hielt der Tran­sistor Ein­zug in die Orgel­welt und alles wurde kleiner, kühler und leichter. Ende der Sech­ziger­jahre trat dann der Inte­grierte Schalt­kreis (IC) seinen Sieges­zug an, und alles wurde noch einmal kompakter und leichter; aber da war die Zeit der Heim­orgeln auch schon fast vorbei.

Das Innere so einer Heim­orgel ist dann auch Technik pur: Kilo­meter von Drähten, Aber­tausende von Wider­ständen, Kon­densa­toren, Tran­sistoren, alles wohl geordnet auf einzelnen, nach Funktion ge­trennten Platinen. Was da allein an Arbeits­zeit benötigt wurde, um alles zu­sammen­zu­löten - das wäre heute un­bezahl­bar. 

Aber alles war reparabel. Alle Teile sind zumeist sehr gut zu­gäng­lich, die Manuale können hoch­geklappt, Rück­wände ab­ge­schraubt werden. Hatte man ein defektes Teil lo­ka­lisiert, konnte es ein­fach er­setzt werden. 

Der hohe Platz­bedarf, die nicht un­erheb­lichen An­schaffungs­kosten, sowie die be­nötigte Wartung sorgten zu­sammen dafür, dass diese Gattung von Musik­instru­menten allmählich ausstarb und ent­weder über den Sperr­müll entsorgt, oder als ver­achtetes Relikt auf Dach­böden, oder in feuchten Kellern und Garagen end­ge­lagert wurde. Die Orgeln späterer Ge­nera­tionen, die dann Key­boards hießen, waren preis­wert, leicht­gewich­tig und klang­lich den Ur­vätern oft­mals weit über­legen. 

Was bis heute über­lebt hat, wird ge­hegt und ge­pflegt. Es werden auch immer noch Neu­geräte pro­duziert, die liegen aber preis­lich im hohen vier- bis unte­ren fünf­stelli­gen Be­reich.

Die Erste

2001 lief mir erstmals so eine Heim­orgel über den Weg. Man fragte mich, ob ich sie brauchen könne, ansonsten käme sie auf den Sperr­müll. Eine wunder­schöne Philips Phili­corda 22GM761/01, Bau­jahr 1968 mit zwei Manu­alen à 49 Tasten und ein­oktavi­gem Pedal. Sie war zwar schon etwas ab­ge­rockt, aber ich holte sie in meine Werk­statt und be­stellte mir erst einmal Schalt­pläne. Die bekam man noch pro­blem­los, wenn auch nicht ganz billig, bei einem großen deutschen Ver­sender von tech­ni­schen Unter­lagen. 
Zunächst machte ich das Holz wieder fit, damit die Gute schon mal schick aussieht. Dann, mit An­kunft der Pläne, wurde der Technik zuleibe gerückt. Einige Töne funk­tio­nierten nicht mehr. Die Übel­täter waren einige Tran­sistoren, die ersetzt werden wollten. Dafür gab es zu der Zeit noch kleine Elek­tronik-Läden, die viel His­tori­sches in kleinen Plastik­döschen am Lager hatten, sowie einen In­haber, der mit Ver­gleichs­tabellen und viel Zeit das Richtige her­aus­suchte. 

Dann mussten noch Schalter aus bröse­ligem Plastik repariert werden, die in ihrem Inneren viel zu harte Federn hatten und damit den Zer­fall weiter vor­an­trieben. Sekunden­kleber, Heiß­kleber, Ver­stärk­ungen und ge­kürzte Federn konnten noch einiges, wenn auch nicht alles retten. Der ein­ge­baute Kas­set­ten­re­korder (für die Zu­spielung von Rhyth­mus oder Play­back) und das Schweller­pedal wurden wieder her­­ge­richtet. Schließ­lich be­kam das ganze Gerät noch eine Ent­brumm­kur. 

Am Ende sah das Ergebnis gar nicht mal so schlecht aus, und es funk­tio­nierte wieder alles, wie es sollte. Das Pro­blem war nur: Die Werk­statt war voll und im Rest des Hauses war kein Platz. 

Also ver­kaufen. Kein Pro­blem bei eBay - dachte ich. Aber so ein Mon­ster will heute wirklich nie­mand mehr haben, abgesehen von einer Hand­voll Sammler viel­leicht, deren Domi­zile dann auch meis­tens schon bis unters Dach voll­gestellt sind.

Schließlich konnte ich sie dann doch noch für zwanzig Mark und einen Kasten Bier an einen Selbst­ab­holer los­werden, der sie auch wirk­lich zu schätzen wusste. Alte Orgel re­pa­rieren und mit Gewinn ver­kaufen - vergiss es! Es ist ein nicht immer ganz billiges Hobby, mit dem man viele schöne Stunden ver­trödeln kann, aber ein Ge­schäft ist das nicht - es sei denn, man hat genau das, was ein anderer gerade sucht ...

Leider ist das neben­stehende Foto das einzige, das ich noch von ihr habe, deshalb kann ich weitere Details schlecht be­schrei­ben. Bei ein­ge­schalte­tem Hall klang sie jeden­falls sehr sakral, und tat­sächlich hatte sie ihre Karriere einst in einer klei­neren ört­lichen Kirche be­gonnen.

 

Die Zweite

Durch einen weiteren glücklichen Zufall bekam ich Ende 2014 wieder eine Orgel, die auch schon harte Zeiten durch­ge­macht hat, eine Gul­bran­sen Pace­maker 1811 KLWX aus dem Jahre 1977. Es handelt sich um ein voll­tran­sis­tori­siertes ameri­kanisches Pro­dukt mit zwei Manu­alen à 44 Tasten und ein­oktavi­gem Pedal. Der Neu­preis ent­sprach seiner­zeit dem eines fran­zösi­schen vier­türigen Klein­wagens. Das Ein­satz­gebiet die­ses In­stru­ments ist ein­deutig Unter­haltungs­musik; der Klang hat über­haupt nichts Sa­krales, sondern geht mehr in Rich­tung Hammond-Orgel. Sie musste von zwei kräftigen Männern trans­portiert werden und re­sidiert jetzt in meinem Wohn­zimmer, wo sie einen festen Platz hat. 

Die hier­zu­lande nahe­zu un­be­kannte ameri­kanische Marke Gul­bransen exis­tierte eigen­ständig von 1904 bis ca. 1950 und wurde dann nach­einander von ver­schiedenen In­ves­toren auf­ge­kauft. Seit den Acht­ziger­jahren werden unter diesem Namen nur noch Pianos ver­trieben. In­for­ma­tionen zu und Er­satz­teile für Gul­bransen Heim­orgeln sind da­her nur schwer bis gar nicht zu be­schaffen.

So sieht die Gute aus. Wie die meisten ihrer Art besteht sie aus Press­span­platten, welche mit Nuss­baum­fur­nier ver­schönert wurden. Der Noten­halter ist sogar aus Voll­holz. Das so­ge­nannte Kick­board ist mit einem rot­braunen Ge­­webe be­spannt; da­hinter ver­bergen sich die Laut­sprecher. Zur Aus­stattung gehört diese Rhyth­mus­sektion (Pace­maker), die mit vari­abler Ge­schwin­dig­keit und Laut­stärke fol­gende Rhythmen erzeugen kann: Waltz, Shuffle, Ballad, Big Band, Dixie, Teen Beat, Polka, Bossa Nova und Rhumba. Ein Lämp­chen zeigt den Down­beat an. Dazu gibt es den so­ge­nannten Walking Bass (das W in KLWX), der passend zum Rhyth­mus ver­schiedene Bass­linien bei­steuern kann: Boogie, Shuffle, Ballad, Rock und Latin.

Diese zwei un­schein­baren Tasten steuern das High­light dieses Mon­sters: Ein zwei­stufiges Leslie Roto­sonic (das L in KLWX). Das ist ein rotie­render Laut­sprecher, der einen un­ver­gleich­lichen schwirrenden Sound erzeugt, da der Ton ständig aus einer anderen Rich­tung kommt. In der Stellung Celeste dreht sich der Leslie nur lang­sam, Tremolo be­deutet hohe Ge­schwin­dig­keit und ist einem schnellen Vibrato sehr ähn­lich. Hier sieht man die Effekt-Ab­teilung: Der Reverb-Schal­ter ist für den Hall, der mit me­chani­schen Spiralen er­zeugt wird. Die Inten­sität regelt der rechte Dreh­knopf. Re­iterate unter­bricht den Ton rhyth­misch wieder­holend. Die Ge­schwin­dig­keit wird durch den linken Knopf ein­ge­stellt. Sustain be­stimmt den Nach­klang des Tones nach Los­lassen der Taste und Leslie schaltet den Leslie-Laut­sprecher ein oder aus - der Rotor läuft immer. Ganz rechts der rot be­leuchtete Netz­schalter Dies sind die Register­tasten des Accom­pani­ment ge­nannten unteren Manu­als. Außer­dem be­finden sich hier die Regler für die Pedal-Laut­stärke (Pedal Level), die Laut­stärke des unteren Manuals (Accomp. Level), sowie dessen Klang (Timbre). Auch das Piano-Register des oberen Manuals, welches ver­blüffend gut nach Klavier klingt, ist hier in seiner Laut­­stärke regel­bar (Piano Level).

Ein weiteres Extra bei diesem Ton­möbel ist die Chord-O-Matic (das K in KLWX). Auf einer Folien­tasta­tur können ganz ein­fach kom­plette Akkorde mit einem Knopf­druck ge­spielt werden. Durch den dar­über liegen­den Knopf ACT werden diese sogar im Rhyth­mus des Schlag­zeugs an­ge­schlagen und mit Walking Bass unter­legt - der leider nur Dur-Riffs kennt. Wird sie nicht ge­braucht, ver­schwindet die Chord-O-Matic wie eine Schub­lade im Ge­häuse. Hier sieht man das gute Stück einmal kom­plett geöffnet. Man ahnt schon, dass hier ge­ballte Technik am Werk ist, die aber von allen Seiten gut zu­gäng­lich ist: Der Deckel schwenkt noch oben, die Manu­ale hängen auch in Schar­nieren, die Rück­wand wird nur von ein paar Schrauben gehalten. Ein Traum für jeden Service­techniker. Dieses Bild zeigt den desolaten Zu­stand des Deckels. Er diente wohl über län­gere Zeit als Blumen­bank und hatte dem aus­treten­den Gieß­wasser nichts ent­gegen­zu­setzen. Außer­dem haben unter dem her­unter­ge­klappten Noten­stän­der eini­ge holz­ver­tilgen­de Schäd­linge Fraß­spuren hinter­lassen. Das Furnier war hin. Da musste neues drauf.

Was zu tun war

Schauen wir uns einmal die To-Do-Liste an:
  1. Alle Funktionen überprüfen und Fehler feststellen
  2. Herausfinden, wie man das Gerät öffnet, Zugänge zu verborgenen Bauteilen
  3. Gerät von Staub, Schmutz, Schimmel u.ä. befreien
  4. Schaltpläne besorgen
  5. Ersatzteile besorgen
  6. Instandsetzung
  7. MIDI-Erweiterung

1. Alle Funktionen über­prüfen und Fehler fest­stellen
  • Auf dem unteren Manual funktio­nierten einige Tasten nicht oder nur spo­radisch
  • Ebenso bei einigen Pedalen
  • Alle Potentiometer kratzten und waren teil­weise schwer­gängig
  • Der Schweller war sehr schwer zu dosieren
  • Die Tasten von Walking Bass und Rhyth­mus hingen teil­weise fest
  • Der Lauf des Leslies war sehr laut
  • Aus dem Leslie-Lautsprecher kam ein rhyth­misch wie­der­kehren­des, scha­ben­des Ge­räusch
  • Es war insgesamt ein deutliches 50Hz Netz­­brummen zu hören
  • Das Gerät war auf 220V Wechsel­spannung eingestellt (das X in KLWX) - wir haben mittler­weile 230V Netz­span­nung
  • In die Rückwand war recht laien­haft eine DIN-Steck­dose ein­ge­baut worden, ver­mut­lich als Signal-Ein/Aus­gang
  • Ein Pedal war seitlich verbogen
  • Im Inneren sah man deutlich Spuren von Flüssig­keiten und Schimmel, sowie große Mengen Staub und Schmutz
  • Das Holzfurnier des Deckels hat stark unter Feuch­tig­keit und me­chani­schen Ein­wir­kungen ge­litten
2. Heraus­finden, wie man das Gerät öffnet, Zu­gänge zu ver­borge­nen Bau­teilen
  • Der Deckel wird von zwei Schrauben gehalten, klappt dann über zwei Schar­niere nach oben und wird dort von einem Fänger ge­halten
  • Das obere Manual wird nur von zwei Holz­blöcken fixiert, die die Schrauben des Deckels auf­nehmen
  • Das untere Manual ist durch das obere Manual fixiert, sowie durch zwei Schrauben von unten
  • Die Rückwand wird von vielen unter­schied­lich langen zoll­maßigen Sechs­kant­schrauben ge­halten
  • Das Leslie-Kabinett hängt an vier Schrauben
  • Die Endstufen sitzen auf einem Brett, das bei ge­öffneter Rück­wand her­unter­ge­klappt werden kann. Hier be­kommt man auch Zu­gang zum Haupt­laut­sprecher

3. Gerät von Staub, Schmutz, Schimmel u.ä. befreien

  • Aussaugen aller zugänglichen Stellen
  • auf Platinen und anderen Bau­teilen zu­sätz­lich einen weichen Staub­pinsel be­nutzen
  • Schimmel und Feuchtig­keits­spuren mit leicht feuchtem Tuch und Spül­mittel ent­fernen

4. Schaltpläne besorgen

Der deutsche Versender kannte den Her­steller nicht, bzw. hatte keine Schalt­pläne vor­rätig und konnte oder wollte sie auch nicht be­sorgen.

Im Orgelforum erfuhr ich von einer Firma in Illinois, USA, die Gul­bran­sen Orgeln re­pariert und Pläne und sogar Er­satz­teile an­bietet. Nach langem Hin und Her (Geld­trans­fer in die USA ist nicht einfach ohne Kredit­karte) wurden die Pläne be­stellt. Die Zu­stellung be­nötigte ca. zwei Wochen.

5. Ersatzteile besorgen

Das schabende Ge­räusch vom Leslie-Laut­sprecher kam von dem de­fekten Über­gangs­stück, über welches das Signal in die ro­tierende Trommel zum Laut­sprecher ge­langt. Dies ist ein sehr spe­zielles Teil, das im Inneren neben Kugel­lagern auch Queck­silber enthält, welches für dauer­haften nie­der­ohmigen Kon­takt sorgen soll. Dieses Teil war fest­ge­fressen. 


Ersatz gibt es, wie ich aus dem Orgel­forum er­fuhr, von Mercotac in den USA, die immer­hin eine Ver­tretung in Deutsch­land haben. Diese aber be­schäftigt sich normaler­weise mit wesent­lich größeren Maschinen und handelt lieber en gros als en détail. Auf mich kleinen Fisch mit meiner pope­ligen Ein-Stück-An­frage haben die ge­rade noch ge­wartet. Aber nach längerem tele­fo­nisch/schrift­lichem Hin und Her mit einer sehr hilfs­be­reiten Dame kamen wir dann doch noch ins Ge­schäft. Man kann ja froh sein, dass man nach so langer Zeit über­haupt noch Er­satz­teile be­kommt.

 

6. Instandsetzung

Bis zum Ein­treffen der Schalt­pläne konnten nur ein­fachere Ar­beiten durch­ge­führt werden. Da­nach ging es dann ans Ein­ge­machte:

Bau­gruppen identi­fizieren und die Orgel nach und nach in ihrer Ge­samt­heit ver­stehen. Wenn man die Zu­sammen­hänge kennt, kann man kleinere Fehler leichter be­heben.

7. MIDI-Erweiterung

Die Orgel bekam zu­sätzlich einen um­fang­reichen Um­bau, damit ich sie mit dem Computer steuern kann. Mehr dazu: siehe unten.

Instandsetzung: Leslie

Ganz wichtig, wenn man so ein Projekt starten will: Hilfe von Fach­leuten. Wo bekommt man die am besten? Im Inter­net natür­lich. Hier gibt es zu fast je­dem Thema min­des­tens ein Forum, in dem sich zu­hauf Leute mit Sach­ver­stand tummeln. Also, erst­mal an­melden und Pro­blem schil­dern. In meinem Falle war es das englisch­sprachige organforum. Hier bekam ich schon viele hilf­reiche Tips zur Be­schaffung von Teilen und Plänen, und der eine oder andere Irr­tum meiner­seits konnte be­seitigt werden. So ge­rüstet konnte es los­gehen.
Als erstes habe ich die Leslie Rotosonic ausgebaut. Das ist ein sehr großes und schweres Bau­teil, das als Ganzes in die Orgel ein­ge­baut ist und durch einen Kabel­baum mit Steckern mit dem Rest der Orgel ver­bunden ist. Auf­bau und Wirk­weise sind gleicher­maßen einfach und kom­pliziert:
Es handelt sich um einen ausgesteiften Holz­rahmen, in dem eine Trommel rotiert. Der An­trieb er­folgt über eine zwei­stufige Motor­ein­heit und zwei unter­schied­lich große Riemen­scheiben, die über einen An­triebs­riemen ver­bunden sind. Im zylin­drischen Teil der Trommel sitzt der Laut­sprecher. Die Achsen der gut aus­ge­wuchteten Trommel drehen sich in robusten Lagern. Die Motoren werden kontakt­los mit Triacs ge­schaltet. Das ganze Teil wiegt un­ge­fähr 10kg. Eine komplette Wartungs­an­leitung klebt freund­licher­weise auf der rechten Seite. Wie man sehen kann, wird das Signal zum Laut­sprecher über zwei Drähte auf ein Wellen­ende über­tragen. Da ich zu­nächst nicht wusste, dass sich hier ein Mercotac-Ver­binder ver­birgt, nahm ich an, dass die Ver­bin­dung einfach Metall auf Metall vom Stecker auf die Welle über­tragen wird. Hoch zu preisen ist hier wiederum das Orgel­forum, in dem ich auf meinen Irr­tum auf­merk­sam ge­macht wurde. Die Motoreinheit besteht aus zwei Motoren. Ein kleiner Motor treibt in Stellung Celeste mit seiner Welle auf einem Reib­rad die Welle des großen Motors und damit die kleine Riemen­scheibe auf der Rück­seite an. In Stellung Tremolo fällt der kleine Motor durch Feder­kraft ab und der große Motor über­nimmt den An­trieb. Beim Zu­rück­schalten auf Celeste hilft der kleine Motor aktiv beim Ab­bremsen mit.

 

Die Wartungsarbeiten be­schränkten sich auf das Ölen der Lager von Trommel und Motoren, sowie das Auf­rauhen des Reib­rades, das schon ziem­lich blank war. Genau­genommen handelt es sich um einen aus­tausch­baren O-Ring, der auf einer Art Riemen­scheibe sitzt. Er hatte aber noch genug Reserven, also habe ich mich damit be­gnügt, die Ober­fläche griffiger zu machen.

Auf dem Bild links sieht man sehr schön den kleinen Motor mit ein­ge­fahrener An­triebs­welle und das Reib­rad auf der Welle des großen Motors. Auf dem unteren Be­fes­tigungs­bolzen sieht man, dass sich schon eine Menge Ab­rieb ab­ge­lagert hat.

In der Zuleitung zur Motor-Elektronik hatte ich kurz­zeitig einen zwei­poligen Schalter, der unter dem unte­ren Manual ver­deckt ein­ge­baut war. Damit ließ sich die Leslie-Ro­ta­tion kom­plett ab­schalten.

Der Mercotac-Verbinder kam in er­staun­lich kurzer Zeit hier an, ver­packt in einer rie­sigen Kiste. Das Ma­terial ist jetzt Alu­minium, beim alten war es noch Stahl ge­wesen. Mal sehen, wie lange das hält ...

Der Austausch ist denk­bar ein­fach: Alt­teil raus­ziehen. Neues ein­stecken, neuen Stecker an­löten. fertig.


Der neue Verbinder ist jetzt aus schwarz lackiertem Alu­mini­um, während der Vor­gänger noch aus Stahl ge­dreht war. Mal sehen, ob der auch 30 Jahre durch­hält ... Ein neuer Anschluss­­stecker musste natürlich auch her. Der Mitten­kon­takt ist jetzt länger. Mög­licher­weise war er beim alten Stecker be­reits ab­ge­brochen (auf jeden Fall aber sehr viel kürzer). Der neue Mercotac an seiner an­ge­stammten Wir­kungs­stätte. Stecker und Kor­pus sind orts­stabil, wäh­rend der dreh­bare Teil in der Trommel steckt. Nur die An­schluss­drähte halten Stecker und Ober­teil fest und ge­ben beim An­laufen leicht nach, bis die innere Haft­reibung über­­wunden ist.

Den Leslie-Schalter habe ich nach kurzer Zeit wieder außer Betrieb gesetzt. Einerseits, weil es beim Schalt­vor­gang immer laut im Laut­sprecher krachte, anderer­seits aber auch aus akustischen Gründen: Da der Ton­gene­rator nach dem Fre­quenz­teiler-Prinzip arbeitet (alle Töne werden aus einer ein­zigen Master­fre­quenz er­rechnet) klingt die Orgel ohne Leslie relativ steril. Erst die viel­schichti­gen Ver­ände­rungen durch den ro­tieren­den Laut­sprecher hauchen dem Klang Leben und Wärme ein. Deshalb läuft der Leslie jetzt wieder sofort nach dem Ein­schalten an. Mit dem Brumm­ton, der dabei ständig hör­bar ist, habe ich mich ab­ge­funden.

Instandsetzung: Stromversorgung

Da ich das Netz­gerät schon mal draußen hatte, konnte ich hier auch gleich die An­passung der Ein­gangs­spannung von 220V auf 240V durchführen. Dazu musste nur ein kleiner Draht von einem an den anderen An­schluss um­ge­lötet werden. Der Trafo ist ein­deutig be­schriftet, also ging es auch ohne technische Unter­lagen. Dass die Orgel jetzt so­zu­sagen mit Unter­spannung läuft, schadet ihr ge­wiss weniger als die Über­ver­sorgung, der sie bis jetzt aus­gesetzt war; die aktiven Bau­teile werden da­durch weniger ge­stresst und sie werden es hoffent­lich mit ver­längerter Lebens­dauer danken. Aufgrund des Alters stoßen jetzt wohl auch all­mäh­lich die ver­bauten Elek­trolyt-Kon­den­sa­toren an ihre Grenzen. Deren hohe Ka­pa­zität ist vom Feuchte­grad im Inneren ab­­hängig. Durch brüchige Dich­tungen geht diese wich­tige Feuch­tig­keit all­mäh­lich ver­loren und die Kon­den­sa­toren stellen ihre Arbeit ein, was sich dann z.B in lautem Netz­brummen äußert, weil die Gleich­spannung nicht mehr aus­reichend ge­glättet wird. Dafür sind in Trafo­nähe vier dicke Elkos mit je 5000µF zu­ständig. Wahr­scheinlich werden die als erste zum Aus­tausch an­stehen; ich habe schon ver­gleichbare Exem­plare mit je 4700µF be­sorgt (die heute noch nicht ein­mal mehr halb so groß sind wie die alten).

Instandsetzung: Kontakte und Potentiometer

Aus Mangel an Schalt­plänen konnte ich zu­nächst nur noch die wacke­ligen Kon­takte an der Orgel wieder in­stand­setzen. Bei den Po­tentio­metern geht das am besten mit so­ge­nanntem Tuner-Spray. Das reinigt her­­vor­ragend, hinter­lässt aber im Gegen­satz zu Kon­takt­spray keinen öligen Film, der dann später ver­harzt und den Effekt zu­nichte macht.

Einer der Gründe für Netz­brummen und schlechte Kon­takte sind Stecker. Die gibt es in diesem Ge­rät zu­hauf. Um die ganzen Platinen mit­ein­ander zu ver­binden sind die Kabel­bäume alle ge­steckt. 

Die Übergangswiderstände dieser Ver­bindun­gen können sich durch Oxid­bildung er­höhen. Be­sonders wenn die Masse­ver­bin­dung nicht mehr nieder­ohmig ist, führt das zu un­an­ge­nehmem Netz­brummen. Ab­hilfe schafft hier mehr­faches Ziehen und Stecken, so­wie even­tuell etwas Kontakt­spray. 

Das verbogene Pedal ließ sich übri­gens ganz ein­fach wieder zu­rück biegen; es ist nur mit einer zentralen Schraube fixiert.

Die recht brachial eingelötete DIN-Buchse habe ich rest­los ent­fernt. Teil­weise waren Drähte ein­fach an Stecker­kontakte ge­lötet worden, wo­durch die Stecker dann schief und nicht mehr richtig fest saßen.

Für Tonaufnahmen ist so eine Buchse so­wie­so nicht zu ge­brauchen, da der Sound des Leslies nur mit min­destens zwei Mikro­fonen ein­ge­fangen werden kann. Da­für gibt es z.B. kleine Auf­nahme­ge­räte, welche die auf­ge­nommene Musik so­fort im mp3-Format speichern können.


Auch die kontakt­schwachen Tasten konnten mit Tuner­spray wieder her­ge­stellt werden. Hier wird bei Tasten­druck ein dünner Feder­draht gegen eine ge­meinsame Schiene ge­drückt, wo­durch der Ton er­klingt. Für Drähte und Schiene reicht nor­maler­weise Tuner-Spray, in hart­näckigen Fällen kann man auch schon ein­mal mit Polier­vlies oder ganz feinem Schmirgel­papier nach­helfen.  Die Pedalerie und sogar die Register­schalter funk­tio­nieren übri­gens nach dem selben Feder-auf-Schiene-Prinzip. Leicht zu warten, gut zu re­parieren. Hier sieht man den Re­gister­schalter für das Cem­balo im aus­ge­schalteten ... ... und hier im eingeschalteten Zu­stand. Alles liegt offen und ist frei zu­gänglich. Alles in allem eine ver­schleiß­arme und service­freundliche Kon­struktion.

Das schwer zu dosierende Schweller­pedal habe ich zu­nächst ein­mal aus seiner dunklen Be­hau­sung ge­holt und gründ­lich ent­staubt. Es ist wirk­lich faszi­nierend, welch ein kon­strukti­ver Auf­wand in dieses kleine Bau­teil ge­flossen ist: Es be­steht aus 7 Holz­ele­­menten, 2 metalle­nen Be­festi­gungs­winkeln, 23 unter­schied­lich­sten Schrauben, 2 Spiral­­federn, 4 Unter­leg­scheiben, 1 ge­druckten Schal­tung, 1 Laminat­plätt­chen, 1 Löt­stütz­punkt, 16 Wider­ständen à 68 Ohm, 17 Feder­drähten, 1 Alu­minium­achse, 4 Filz­streifen und einem Ab­deck­blech. Durch die Federn kann der Klemm­druck auf die Achse und damit die Gängig­keit des Pedals ein­ge­stellt werden. Die 16 Wider­stände sind in Reihe ge­schaltet, und an den Ver­bindungs­stellen ist je ein Feder­draht an­gelötet, der fest gegen die Alu­achse drückt, also ins­gesamt 17 Stück. Ist das Pedal voll durch­getreten, liegen alle Feder­drähte auf der Achse und sind so­mit kurz­ge­schlossen - der Wider­stand ist nahe Null. Hebt man das Pedal, so wird durch das schräg auf­ge­schraubte Laminat­plätt­chen ein Dräht­chen nach dem anderen von der Achse ab­ge­hoben - der Wider­stand erhöht sich.

Das würde man heute wohl anders lösen ...

Wie man hier gut sehen kann, sind die Draht­enden ziem­lich korro­diert. Da­durch kommt es zu er­höhten Über­gangs­wider­ständen. 400er Schmirgel und etwas Kon­takt­spray konnten dieses Pro­blem schnell be­heben.

Die Wider­stände steuern übri­gens die Hellig­keit eines Glüh­lämp­chens im Vor­ver­stärker. Dieses be­leuchtet seiner­seits zwei licht­empfind­liche Wider­stände, welche an der Laut­stärke­regelung mit­wirken. Rube Goldberg lässt grüßen ...

MIDI-Erweiterung

Da ich selber kaum in Lage bin, ein Tasten­instru­ment virtuos zu be­dienen - von Pedal­arbeit gar nicht erst zu sprechen - liegt es für mich nahe, je­manden da­für zu en­gagieren, der 88 Finger und 13 Beine hat: Meinen Freund den PC.

Die Schnitt­stelle zwischen Rechner und Orgel heißt MIDI, ein digitales Inter­face für Musik­instru­mente (Musical Instrument Digital Interface). MIDI ist eigentlich nur ein Datei­format, ein Proto­koll, mittels dessen Daten aus­ge­tauscht werden können.

Mit dem MIDI-Format kann man An­wei­sungen für Musik­instru­mente und andere Empfänger, z.B. Licht­orgeln, oder be­liebige andere Steuerungen, senden, welche dann ihrer­seits diese An­wei­sungen um­setzen, z.B. in Musik­noten, Licht­effekte oder ähn­liches. Als Sender kommen Key­boards in­frage, aber eben auch PCs mit ent­sprechen­der Soft­ware (Sequencer).

Man unterscheidet grundsätzlich drei MIDI-An­schlüsse: MIDI-In, MIDI-Out und MIDI-Through (meistens ameri­kanisch-salopp MIDI-Thru ge­nannt). Ein Gerät mit einem MIDI-In kann MIDI-Daten empfangen. Eine MIDI-Out-Buchse zeigt, dass dieses Gerät MIDI senden kann. Eine MIDI-Thru-Buchse stellt das em­pfangene Signal vom MIDI-In un­ver­ändert auch an­deren MIDI-Ge­räten zur Ver­fügung.

Übrigens: Wenn ich hier von senden und empfangen schreibe, dann ist damit na­tür­lich kein Funk­signal ge­meint, sondern Daten­pakete, die über MIDI-Kabel ge­schickt werden.

Für meine Orgel brauchte ich also ein Gerät, welches MIDI emp­fangen und diese Daten in elek­trische Im­pulse um­setzen kann. So etwas be­kommt man in Bulgarien und es nennt sich MIDI-Decoder. Dieser hat eine MIDI-In Buchse, um Signale ent­gegen zu nehmen und leitet diese mittels eines kleinen Pro­zessors und nach­folgender Tran­sistor­treiber an 128 Aus­gänge weiter. 

Mit 101 von diesen Aus­gängen und eini­gen hundert Metern iso­lier­tem Draht  werden die ein­zelnen Tasten über­brückt, so­dass der Orgel vor­ge­gaukelt wird, je­mand machte sich tat­säch­lich die Mühe, sie ein­zeln nie­der­zu­drücken - wo­bei die Spiel­bar­keit der Orgel sel­ber nicht be­ein­trächtigt wird.

Der MIDI-Decoder ist eine relativ kleine Pla­tine, die im Inneren der Orgel Platz findet. Sie ist nahe der Rück­wand ein­ge­baut, so­dass nur noch eine Öffnung für die An­schluss­buchsen her­aus­­ge­arbeitet werden musste.

Die Pedale können aus tech­nischen Gründen nicht direkt vom De­coder an­ge­steuert werden. Hier kommen Relais zum Ein­satz, die im Ideal­fall mit sehr ge­ringer Ver­zöge­rung arbeiten und dies nahezu ge­räusch­los tun. Leider sieht die Praxis et­was anders aus: Die Relais klackern recht deut­lich hör­bar. 

Wenn aber zu­sätz­lich die höheren Töne von bei­den Manu­alen bei Zimmer­laut­stärke er­klingen, dann sind diese Stör­ge­räusche tat­säch­lich kaum wahr­nehm­bar.

Die Verbindung zum Computer (ein ur­alter Lap­top mit ur­altem Se­quencer­pro­gramm, in Be­zug auf Rechner­leistung ist MIDI über­haupt nicht an­spruchs­voll) wird über ein USB-MIDI-Inter­face her­ge­stellt, das man für wenig Geld bei ein­schlägi­gen Musi­kalien­händlern on­line er­stehen kann. 

Alles in allem kamen für diese Er­weite­rung Kosten von ca. 500€ zu­sammen. Der wunder­schöne Klang der alten Orgel, wenn sie mei­sterlich ge­spielt wird, lässt  jedoch den finan­ziellen Ein­satz ver­gessen. Schließ­lich soll sie ja nicht nur als Möbel dienen.

Es folgen einige Bilder und Er­läute­rungen zu Ein­bau und An­schluss der MIDI-Er­weite­rung:


Das ist nun also das tech­nische Meister­werk aus Bul­garien. Ein MIDI-De­coder mit 128 ge­schal­teten Aus­gängen. Zu Test­zwecken ist der Auf­bau aus­ein­ander­ge­zogen. Nach Ab­schluss der Ar­beiten wurde die obere rechte Pla­tine nach links ge­zogen, wo­durch das Ganze sehr viel kom­pakter wurde. Der An­schluss erfolgt über vier 34-polige Steck­ver­binder mit Flach­band­kabel. Computer­experten er­kennen viel­leicht den Stecker, mit dem früher einmal 3,5" Floppy-Lauf­werke mit dem Mother­board ver­bunden wurden. Die Adern am anderen Ende des Kabels wurden ver­einzelt, ab­isoliert, ver­zinnt, zug­ent­lastet und ver­lötet. Klingt ein­fach, ist aber müh­selige Fummelei. 

Hier ist die fast fertige Platine mit den Relais zu sehen. Später kam dann noch pro Pedal ein An­schluss­draht hinzu. Die Wider­stände dienen der Her­ab­setzung der 17 Volt aus der Orgel auf die er­forder­liche Be­triebs­spannung von 12 Volt für die Re­lais - leider liefert die Gul­bran­sen nur +17V, +20V, +35V und -35V.

 

Die erste von zwei Dioden­platinen für die Manu­ale ist hier ab­ge­bildet. Jeder Steuer­draht wird über je eine Diode ge­führt, da­mit ich spielen kann, ohne dass Span­nungen von der Orgel auf die Aus­gänge des De­co­ders zurück­wirken. Gut zu sehen ist, dass jeder Draht zwei­mal durch­ge­fädelt wird, be­vor er ver­lötet wird. Das dient der Zug­ent­lastung. So sah der Stand der Dinge nach vier Tagen Fädeln und Löten aus. Nicht sehr be­ein­druckend, aber durch die er­forder­liche volle Kon­zen­tra­tion kam es schnell zu Er­müdung und zu Ver­span­nun­gen. Des­halb waren regel­mäßig längere Pausen nötig. 

Alle drei Platinen wurden noch auf eine Mon­tage­platte ge­schraubt, damit man die neue Elek­tronik so­zu­sagen am Stück ein- und aus­bauen kann. Auch die Ver­drahtung wurde da­durch ver­ein­facht. Hier konnte das En­semble schon mal probe­sitzen. Alle größeren Ein­bauten, wie Leslie, Ver­stärker und Hall­ein­heit hatte ich aus­ge­baut, um Platz zum Löten zu haben. Die Lei­tun­gen von den Pedalen gehen über eine Stecker­leiste zum Walking-Bass weiter. Hier konnte ich meine Drähte einfach von unten an­löten. Praktisch! Hier sind die Kabel­bäume, be­stehend aus ca. 350m Kupfer­leitung, platinen­seitig schon an­ge­lötet und zug­ent­lastet. Nun mussten die 102 Drähte nur noch am an­deren Ende an der rich­tigen Stelle an­ge­schlossen werden ...

Alles ist ein­ge­baut. Der MIDI-Decoder (jetzt im kom­pakten Auf­bau) ist kopf­über von unten an das Deck­brett des Ver­stärker­schachtes ge­schraubt. Die Kabel­bäume sind grob in die rich­tige Rich­tung ver­legt, die Flach­band­kabel sind ein­ge­steckt und zug­ent­lastet - leider kann man sie nicht schöner ver­stauen. Da ich fest davon aus­ging, dass alles funk­tionieren würde (meis­tens klappt's ja auch), wurde das her­aus­schwenk­bare Ver­stärker­bord wieder ein­ge­baut, ... ... an­ge­schlossen, zu­ge­klappt und die Hall­ein­heit wurde wieder an­ge­schraubt. Von dem Chaos da­hinter ist kaum noch etwas zu sehen.

Der Kabel­baum (violett) für das Pedal ist an der Stecker­leiste an­ge­lötet. Da die Drähte nicht markiert sind, mussten sie einzeln aus­ge­messen und dann an­ge­schlossen werden. Bei 14 Drähten (Pedal) geht das ja noch einiger­maßen. Die an­deren Bäume ent­halten jedoch je 44 Drähte; das ist dann doch etwas un­über­sicht­licher. Erste Tests be­stätig­ten, dass der Bass funktio­niert! Der Leslie konnte wieder an seinem an­ge­stammten Platz ein­ge­baut und an­ge­schlossen werden. Jetzt mussten nur noch die bei­den Manu­ale verdrahtet werden ... Die ersten 44 Drähte (rot) wurden einzeln durch­ge­messen und auf Stift­leisten ge­lötet, die freund­licher­weise werk­seitig schon vor­han­den sind (Vor­rüstung für auto­mati­sierte Player-Organ-Option Pacemaker BLW). Durch ständige Tests wurde die spätere ein­wand­freie Funktion sicher­ge­stellt.

Beim unteren Manual mit eben­falls 44 Drähten (weiß) gab es leider keine direkte An­schluss­mög­lich­keit. Ich konnte die Drähte aber an Draht­brücken (Jumpern) be­festi­gen. Etwas schwieri­ger, aber ge­nauso gut. Der einzige sicht­bare Hin­weis, dass sich hier neuere Tech­nik hin­zu­ge­sellt hat: Die zwei MIDI-Buchsen und die Strom­ver­sor­gungs­buchse auf der Rück­seite. Unter dem unteren Manual habe ich ver­deckt und in Reihe zum Schweller­pedal einen Hand­regler samt By­pass-Schalter ein­ge­baut. So kann ich be­quem während der MIDI-Wieder­gabe die Laut­stärke an­passen.

Die Orgel lässt sich jetzt also mittels MIDI fernsteuern. Aber es gibt einige Ein­schränkungen: 

1. Die Registrierung der Manuale und Pedale muss nach wie vor von Hand er­folgen, auch im laufen­den Be­trieb. 

2. Der Laut­stärke­regler für das untere Manual ist bei MIDI-Zugriff ohne Wir­kung und es wird stets mit maxi­maler Kraft ge­spielt.

3. Der Ein­satz von Rhyth­mus-Ab­teilung und Walking-Bass (analog) ist sinn­los, da eine Syn­chroni­sierung mit MIDI (digital) prak­tisch un­mög­lich ist.

4. Da der Decoder nur auf einem ein­zigen MIDI-Kanal emp­fangen kann, müssen alle Noten fürs Pedal um 3 Ok­taven nach unten, die fürs untere Manual um 2 Ok­taven nach unten und die fürs obere Manual um eine Ok­tave nach oben trans­poniert werden.

Diese Einschränkungen sind aber aus folgen­den Gründen nicht so schwer­wiegend:

1. Die Registrierung von Hand ist kein Problem. Sie muss schließ­lich auch bei echten Pfeifen­orgeln während des Betriebs er­folgen.

2. Eine Ab­senkung des Pegels für das untere Manual ist auch durch spar­same­re Re­gistrie­rung er­reich­bar.

3. Rhythmus und Walking-Bass sind für mich ent­behr­lich, da ich sie, be­dingt durch meinen Hang zur Klassik, eher selten ein­setze. 

4. Das Trans­ponieren der je­weili­gen Parts für Pedal, unteres und oberes Manual er­ledigt für mich die Se­quencer-Soft­ware voll­auto­ma­tisch. Kein Pro­blem also.

Hier sind zwei kleine Klang­bei­spiele, wie die Orgel klingt, wenn mein Freund mit den 13 Füßen und den 88 Fingern auf der Orgel­bank Platz nimmt. Ein Klick auf den blauen Pfeil startet die Wieder­gabe.

 

Joh. Seb. Bach: Brandenburgisches Konzert No.3 BWV 1048, 3.Satz

 

Camille Saint Saëns: Prélude über "O salutaris hostia" op.4 No.5

Instandsetzung: Holzarbeiten

Das Äußere der Orgel hat natür­lich im Laufe der Jahre ge­litten. Den Wangen und den Bau­teilen neben den Manualen sieht man die vierzig Jahre an – Stöße und Kratzer, zum Bei­spiel von Finger­nägeln im Be­reich der Dreh­regler, sind un­ver­meid­bar. Das ver­buche ich aber unter Patina. Ledig­lich die Deck­platte war durch Feuchtig­keit – besser ge­sagt: durch Nässe – der­maßen un­an­sehn­lich, dass eine In­stand­setzung un­um­gäng­lich war. Die Platte musste plan­ge­schliffen und neu furniert werden. Der Noten­ständer war auch an­ge­griffen, aber noch nicht ganz so stark be­schädigt. So be­reitete ich die maroden Teile zu­nächst für die Re­paratur vor:
Der ab­klapp­bare Noten­halter wurde ent­fernt, damit der Ver­klebung des neuen Furniers später nichts im Wege steht. Die darunter an­ge­schraubte Elek­tronik musste na­tür­lich auch noch do­kumen­tiert und ab­ge­baut werden. Die Leiste, die ein Ab­rutschen der Noten nach vorne ver­hindern soll, war in eine Nut ein­ge­leimt. Der Leim war wohl nicht der beste; die Leiste ließ sich vor­sichtig mit einem dünnen Messer heraus­hebeln. Hier sieht man die Fraß­spuren, die offen­bar einige hungrige Schäd­linge im Schutze des herunter­ge­klappten Noten­ständers und des Feucht­bio­tops ins Holz ge­fräst haben.

Die kom­plette Elek­tronik von Walking Bass und Rhythmus­ab­teilung (SAR = Select-A-Rhythm) be­findet sich unter dem Deckel.  Alles wurde doku­mentiert, dann konnten die zwei Kabel­bäume ent­fernt und die Pla­tinen de­montiert wer­den. Diesen beklagens­werten Zu­stand hatte die Orgel an­schließend. Die nötigen Ar­beiten mussten jetzt von einem Fach­mann durch­ge­führt werden.

Zur Über­brückung hatte ich mir eine billige Press­span­platte (Holz­ton: Wenge) ge­kauft und ein­ge­baut, damit die Orgel wieder spiel­bar war. Nach drei­wöchi­gem Still­stand hatte ich nämlich fest­stellen müssen, dass eini­ge Tasten schon wie­der nicht richtig funk­tionierten. Dieses In­stru­ment duldet ein­fach keinen Still­stand! Nach etlichen Monaten hatte ich dann endlich einen Schreiner (oder Tischler) ge­funden, der willens und fähig war, die nötigen Arbeiten zu einem ver­tret­baren Preis aus­zu­führen. Die Deck­platte wurde mit Nuss­baum­furnier re­pariert, der Noten­ständer konnte mit Schleifen und Beizen wieder ge­richtet werden. Alles wurde natürlich mit Klar­lack ver­siegelt. Die Ober­fläche sieht jetzt wieder wie Holz aus (ist es ja auch). Von den Fraß- und Blumen­gieß­spuren ist nichts mehr zu sehen. Ein­ziger Nach­teil: Bei der Rück­führung der Technik auf die Unter­seite der Platte habe ich einen Stecker ver­kehrt herum ein­ge­steckt und mir damit Rhythmus und Walking Bass ab­ge­schossen. Es gab wieder viel zu tun ...

Instandsetzung: Walking Bass & Rhythmus

Was alles durch das falsche Plazieren des Steckers zer­schossen worden war, konnte ich mit meinen Elek­tronik­kennt­nissen kaum lokali­sieren. Auf jeden Fall war Be­triebs­spannung an Teile ge­langt, die das nicht ver­tragen hatten. Da der Rest der Orgel noch ein­wand­frei funktio­nierte, be­schloss ich, ein­fach alles so zu be­lassen, wie es war – schließ­lich brauchte ich die Features so­wieso so gut wie nie. Aber irgend­wie nagte es doch an mir ...

Durch Zufall erfuhr ein Mit­glied des oben bereits erwähnten Orgel­forums von meiner Misere. Er hatte noch eine kom­plett zer­legte Pacemaker 1811 herum­stehen und er bot an, mir gegen Er­stattung der Porto­kosten (aus Süd­afrika) die be­nötigten Teile kosten­los zuzusenden. Einige sehr freund­liche E-Mails später war es dann so­weit: Die kom­plette, unter dem Deckel verbaute Elek­tronik kam gut ver­packt mit der Post ins Haus.

Leider ist keine Pace­maker 1811 wie die andere. Da die Er­satz­teile aus einer 1811 ohne Chord-O-Matic stammen, sind sie alle kom­plett unter­schied­lich zu meinen. Offensichtlich wurden für jede Aus­stattungs­vari­ante die Platinen ge­nau passend an­ge­fertigt. Hin­zu kommt der Alters­unter­schied von nur wenigen Jahren, inner­halb derer wohl auch noch di­verse Än­derungen vor­ge­nommen wurden. 

So werde ich wohl damit leben müssen, dass weder Walking Bass noch Select-A-Rhythm je wieder funk­tionieren werden.



     

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