Sprache


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Einleitung

Auf dieser Seite werde ich in unregelmäßigen Abständen Kommentare, Rand­be­merkungen oder Schmäh­schriften zum Ge­brauch der deutschen Sprache ver­öffentlichen. Sei es aus aktuellem Anlass, oder weil mir der falsche, häufige bzw. un­angebrachte Ge­brauch eines Wortes oder einer Rede­wendung auf­gefallen ist, oder weil es mir einfach in den Kopf kam. Ich beziehe mich dabei auf Presse, Inter­net, Funk und Fern­sehen, auf Wer­bung, Polit­sprech und Dumm­deutsch.

Was Sprache an­belangt, so bin ich ein Wert­konservativer, der bemüht ist, Neu­schöpfungen, Denglisch und ähnliche sprachliche Tor­heiten weit­räumig zu um­schiffen – was natürlich nicht in allen Fällen gleicher­maßen glückt. Gegen Fach­chinesisch, das quasi bis zu Un­kennt­lich­keit verdenglischt ist,  kann man sich ja prak­tisch gar nicht mehr wehren. Ein weiteres Pro­blem ist die Jour­na­listen­sprache, die sich auf man­chen Ge­bieten in er­schrecken­der Weise ver­selb­ständigt hat. Gegen solcher­lei Aus­wüchse werde ich in bester don-quixotescher Manier zu Felde ziehen. Die An­merkungen dazu sind sub­jektiv, in jedem Falle recht­haberisch und ober­lehrer­haft und teil­weise po­le­misch. Dass diese keines­falls allzu ernst ge­nommen werden sollten (zu­mindest nicht alle), ver­steht sich hoffent­lich von alleine ...

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Inhalt

Smart?

Sagt mal, TopGear ...

Radikalisierung

Kraftanstrengung & Co.

Konsonantencluster

Mir scheint,...

Wir sind das Volk!

Textur?

Liebe Terrorismusexperten,

Schein-Englisch

Pari-Pari unentschieden

Stundenkilometer?

Tiernahrung

Teilen

Reife Leistung 

Mixer-Durcheinander

Ich persönlich …

Tragische Umstände 

Tagesschau24

Beitragsservice

Aufgehangen

Mund-zu-Mund-Propaganda

Gewöhnlich

Liebe Hobbyköche

Quantensprünge

Übrigens, Fa. Thomy

Lieber Xavier Naidoo

Je länger je lieber

Jetzt ...

Die beste Alternative

Was ist dass den?

Hallo Fans!

Platzangst

Nutzt nix 


Smart?

Nov. 2017

Ist Ihr Home „clever, gewitzt“, „von modischer und auf­fallend er­lese­ner Ele­ganz“, oder sogar „fein“? Dann haben Sie sicher­lich ein Smart Home.

So definiert unser aller Duden nämlich das Wort smart. Was, so möchte ich fragen, ist zum Beispiel an einem Smart Phone im Format einer aus­ge­wachse­nen Tafel Goldnuss-Scho­ko­lade von er­lesener Ele­ganz, ge­schweige denn clever? Dieser ganze Smart-Hype geht mir im Mo­ment ein­fach tie­risch auf die Ner­ven. Alles ist auf einmal smart. Mein Haus, mein Kühl­schrank, mein Fern­seher, mein Tele­fon, meine Uhr, sogar meine Klei­dung. Alle­samt clever und ge­witzt, oder was? Da möchte ich aber heftigst wider­sprechen.

Was ist an einem Kühl­schrank smart, der sich stän­dig ohne mein Zu­tun im Inter­net herum­treibt und Lebens­mittel für mich be­stellt? Muss der das? Kann er das nicht ein­fach mir über­lassen? Viel­leicht habe ich mo­men­tan gar keine Lust auf das Zeugs, das er mir be­stellt. Und wer räumt dann den ganzen Plunder in den Smart-Fridge, wenn ich bei An­liefe­rung nicht zu Hause bin?

Was ist an einem Home, vulgo Haus, smart, das den ganzen Tag im Inter­net auf Befehle lauert, um die Hei­zung ein­zu­stellen, die Roll­läden zu be­tätigen, das Licht ein- und aus­zu­schalten? Ge­witzte Hacker sind heute in der Lage, mein cleveres Haus so­zu­sagen aus­zu­lesen und wissen dann ge­nau, dass die Hei­zung auf Mini­mum steht, die Lichter über einen Zu­falls­gene­rator ge­schaltet und die Roll­läden über einen Timer ge­steuert werden. Mit anderen Worten: Ich bin unter­wegs auf Ur­laubs­reisen. Herz­lich will­kommen in meinem Smart Home!

Und mein Smart Phone teilt aller Welt ständig mit, wo ich mich ge­rade auf­halte, ob und wann ich ge­rade unter­wegs bin und wenn ja wie schnell. Es hält mich den ganzen Tag von der Ar­beit ab, macht mein Fa­milien­leben zu­nichte, gaukelt mir Freund­schaften vor und schreibt mir in Zu­sammen­arbeit mit meiner Smart Watch auch noch vor, wann und was ich zu essen habe, wann und wie lange ich schlafen soll – und: Sport, Sport und nochmal Sport. Die passen­den Smart Clothes senden der­weil In­for­ma­tio­nen über Herz­frequenz, ver­brannte Ka­lorien, Atem­fre­quenz und wer weiß was sonst noch an mein Smart Phone. Potzblitz!

Da sich diese Gerätschaften alle­samt im Netz tummeln, kosten sie natür­lich auch noch Ge­bühren. Ständig. Und wer im Einzelnen was mit meinen Daten in der Smart Cloud tut, das weiß auch nie­mand so ge­nau. Ver­mut­lich gibt es aber mehr inter­essierte Par­teien, als mir recht sein kann. Wer weiß, ob meine Kran­ken­ver­siche­rung nicht schon einen direkten Draht zu meiner Smart Watch hat (Stich­wort: Bei­trags­an­passung), oder meine Ban­king-App heim­lich mit dem Fi­nanz­amt unter einer Decke steckt? 

Die smarten unter meinen Lesern werden es bereits ver­mutet haben: Ich be­sitze gar keines der oben ge­nannten Gadgets. Aber wenn ich mich so um­schaue, dann stelle ich immer häufiger fest, dass ich mit dieser Ein­stellung einer Min­der­heit an­gehöre. Viele können sich heut­zutage ein Leben ohne ihr Smart-Ge­döns gar nicht mehr vor­stellen. Ich finde das be­ängsti­gend.

„Schöne neue Welt“, kann ich da nur sagen. Für ein bisschen Be­quem­lich­keit be­geben wir uns frei­willig und sehen­den Auges jener Rechte und Frei­heiten, um die uns viele andere unter­drückte, be­spitzelte und über­wachte Zeit­ge­nossen glü­hend be­neiden. Wir machen uns zu glä­ser­nen Bürgern, die von Staat und In­du­strie an der kurzen Leine ge­führt werden. Und wenn wir nicht spuren: Ein leichter Ruck ge­nügt, und schon gehen wir wieder brav bei Fuß. Ist das etwa smart?

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Sagt mal, BBC TopGear Deutschland ...

Aug. 2017

... bei euch ist aber garantiert mehr als nur ein Rad locker, oder?

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Ich habe mir gerade mal rein interesse­halber euer neues Heft Sep­tem­ber-Ok­to­ber 2017 ge­kauft. Und was mir da zum Preis von €5,90 für ein un­glaub­licher Quatsch ge­boten wird, das habe ich noch nicht er­lebt. Dieser stets be­müht locker-jugend­liche Ton, der sich durch sämt­liche (... na, nennen wir es mal) Re­por­tagen zieht und das stän­dige Duzen des Lesers, das alles geht mir ge­hörig gegen den Strich. Die Leute, die für euch schreiben, können einem wirk­lich den letzten Nerv rau­ben. Kleine Kost­probe ge­fällig? Zum Jaguar XE 2018 ge­langen dem Schrei­ber­ling S. Wagner z.B. fol­gende Gemmen der Gegen­warts­prosa:

„Ein an sich ruhiger, wenig turbo­lochiger Zeit­ge­nosse, der nur beim Aus­drehen un­an­ge­nehm vier­zylindert.“

„Er macht tatsächlich sowas wie Laune, all­radet (Serie) grippig, aber leicht­füßig.“

„Die Extra-Power und der etwas vollere Sound komple­mentieren ein Chassis, an das noch immer keiner der Rivalen heran­reicht. Der Jag teilt sich wunder­bar mit, ist Heck­triebler mit Leib und Seele.”

Der Jag vierzylindert also wenig turbolochig, und er allradet grippig? Kann es sein, dass der Autor S. Wagner morgens ver­gessen hat, seine Medi­ka­mente ein­zu­nehmen? Und jetzt hat er zu viel Extra-Power, die sein mangel­haftes und wirres Deutsch komple­mentiert? Ich möchte es, in An­lehnung an seine eigenen Worte, mal so aus­drücken: „S. Wagner teilt sich wun­der­lich mit, ist Phrasen­drescher mit Leib und Seele.“

Hier noch ein weiteres Kleinod, das S. Wagner zum Seat Leon Cupracer aus der virtuellen Feder floss:

„Reichlich unbeeindruckt von meiner helden­haften Rettungs­aktion schüttelt sich der Leon kurz durch und zimmert seine Vorder­achse am nächsten Scheitel fest, als hinge er an einem ge­spannten Bungee-Seil mit mäch­tig Heim­weh.”

Da kann ich nur, Wilfried Schmickler zitierend, dazwischenrufen: „Aufhören! Hör'n Se auf, Herr Wagner ...“. Es ist wirklich un­glaub­lich, un­fass­bar, un­er­träg­lich, was der Mann sich zu­sammen schreibt. Da­zu S. Wagner: „Ich ver­nehme ein sehr lautes inner­liches »Waaaaah«“. Das glaube ich sofort und ohne weiteres.

Davon abgesehen ist schon der Auf­macher auf der Titel­seite eine Frech­heit: „Der GTI ist zurück. Neuer VW Up GTI trifft auf Bugatti Chiron, [...]“. Wenn ich mir an­schließend den Artikel durch­lese, dann wird da ständig nur der neue Up GTI in den höchsten Tönen ge­lobt. Der Chiron steht nur auf ein paar Fotos als Statist da­neben und wird mit kaum einem Wort er­wähnt. Der nament­lich un­ge­nannte Re­dak­teur (S. Wagner?) hat wohl keine Ge­nehmi­gung be­kommen, sich dem heili­gen Gral des Auto­mobil­baus auf weniger als zehn Meter zu nähern – kann ich auch irgend­wie nach­voll­ziehen, bei der bri­santen Paarung „leicht ver­wirrter Tasten­quäler trifft auf Zwei­einhalb-Millionen-Euro-Super-Sport­wagen“. Aber dann weckt doch auch bitte nicht groß­mäulig auf dem Titel­blatt Hoff­nungen auf einen Ver­gleichs­test oder ähn­liches, dem dann im Heft­inneren nur ein wenig inspi­rierter Fahr­be­richt über lediglich eines der angekündigten Fahrzeuge folgt.

Wenn das der Neue Deutsche Motor­journalis­mus ist, dann ver­zichte ich gerne und greife zur Springer-Presse. Die ist mir zwar poli­tisch eher sus­pekt, da­für be­schäftigt sie aber rich­tige Journalisten, die ihr Metier be­herrschen. Bei denen ist zwar auch ständig alles „irre“, aber sie können ganze Re­por­tagen schreiben, ohne einen ein­zigen selbst­ge­schnitzten Neo­logis­mus zu ver­wenden. Inter­essant statt nervig, infor­mativ statt ein­seitig: so geht das.

Sorry, TopGear, aber der frische Wind, der wohl offen­sicht­lich durch euer Blätt­chen wehen soll, riecht ver­dächtig nach flatus cerebri


 

Reflexive Radikalisierung

Apr. 2017

Wie man hört, radikalisieren sich in letzter Zeit immer mehr mus­li­mische Männer und Frauen. Wie machen die das eigent­lich?

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Radikal: eine extreme poli­tische, ideo­logische, welt­an­schau­liche Rich­tung ver­tretend [und gegen die be­stehende Ord­nung an­kämpfend], Ad­jektiv. So weit die De­fini­tion des Dudens. Radi­kali­sieren ist ein von diesem Ad­jektiv ab­geleitetes Verb. Es be­deutet ge­mäß den Wort­bildungs­regeln radi­kal machen

Was hat es nun aber mit dem re­flexi­ven Verb sich radi­kali­sieren auf sich? Kann sich je­mand selbst radi­kali­sieren, d.h. auf sich selbst der­gestalt ein­wirken, dass er radikal wird? Er­gibt das irgend­einen Sinn? Nehmen wir an, ich sei ein fried­lieben­der Mensch, der viel Zeit hat. Wie stelle ich es an, dass ich mich radi­kali­siere? Radi­kales lag mir ja bis­her eher fern. Ich führe also inten­sive Selbst­ge­spräche und werde von Tag zu Tag radi­kaler in meinen An­sichten, die sich aus dieser inneren Dis­kussion er­geben. Ja, klar.

Der normale Weg wird wohl eher sein, dass irgend­ein Dritter auf mich ein­wirkt, auf mich ein­plaudert, mich zu­quatscht, mir wirres Ge­danken­gut ein­pflanzt und mich auf diese Weise all­mäh­lich auf sein radikal schwarz-weißes Weltbild ein­schwört. Das würde ich als radi­kali­sieren be­zeich­nen. Ich habe aber da­zu keinen Bei­trag ge­leistet. Der andere hat ge­redet, ich habe ge­glaubt. Nicht ich habe, sondern er hat mich radi­kali­siert.

Sich radikalisieren – woher kommt nur dieser Aus­druck und wer hat ihn erfunden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er im Grunde ge­nommen ziem­lich rassis­tisch ist: Er­weckt er doch den Ein­druck, dass jeder Mus­lime in sich die Saat des Bösen trägt, die nur zum Keimen ge­bracht werden muss. Und wenn nie­mand darauf regnen möchte, dann tut's der Musel­mann eben selbst. Kein Pro­blem! Eben noch war er ein netter Ehe­mann, Familien­vater, Nach­bar, Kollege und auf einmal – zack – be­schließt er, den offen­bar ge­netisch vor­be­stimmten Pfad ein­zu­schlagen und sich zu radi­kali­sieren. Kein Imam, kein Mullah, kein Pre­diger ist dazu nötig; das geht wie von selbst. Ja, klar.

Wie ich das sehe, ge­hören zum Radi­kali­sieren stets mindes­tens zwei, gerne auch mehr Leute. Die eine Seite redet, die andere glaubt. Und wer leichter glaubt wird schwerer klug. So einfach ist das. Der ganze be­griff­liche Eier­tanz um die Radi­kali­sierung ist doch nur der Zwick­mühle ge­schuldet, die unsere ver­fassungs­mäßig ver­brief­te Reli­gions­frei­heit in sich birgt: Es ist uns nicht er­laubt zu sagen, dass es is­lamische Geist­liche und deren fana­tische An­hänger und Mit­läufer sind, die fried­liche Mus­lime radi­kali­sieren und für ihre Ziele instru­mentali­sieren. Und wir dürfen sie auch nicht des Landes ver­weisen. Denn Religion ist tabu.

Also ward die Mär von der Selbst­radi­kali­sierung ge­boren und schon muss sich nie­mand mehr mit einem Pro­blem herum­schlagen, bei dem die Fett­näpf­chen­dichte der­maßen hoch ist, dass stets ein diplo­ma­tisch-reli­gi­öser Eklat  droht. Ja, und da­mit haben wir auch schon eine Ant­wort auf die Frage, wer das Sich-Radi­kali­sieren ver­mut­lich er­funden hat: Das können eigent­lich nur Poli­tiker ge­wesen sein.


 

Kraftanstrengung und Energieleistung

Feb. 2017

Sie ge­hören zum Wort­schatz eines jeden guten Sport­jour­nalisten. Aber wie­viel Sinn ver­birgt sich hinter diesen Fach­begriffen?

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„Um die Streif auch dieses Jahr un­fall­frei zu be­wältigen be­darf es bei den Ski­fahrern einer be­sonderen Kraft­an­strengung, weil die Strecke heuer von Hubert Hinter­mayer vom öster­reichi­schen Ski­verband ab­ge­steckt wurde.“ „Dass der FC Frischauf Lachwitz das 0:2 tat­säch­lich noch in ein 3:2 ver­wandeln konnte, das war schon eine enorme Energie­leistung.“

Wer kennt sie nicht, diese Sprüche unserer hoch­be­zahlten Fernseh-Sport-Kommen­ta­toren? An­strengung und Leistung ge­nügen heut­zu­tage ein­fach nicht mehr. Das muss man doch noch irgend­wie steigern können. Am besten mit be­sonders dy­na­misch klingen­den Zu­sätzen, wie Kraft, Energie, Super, Mega, Hyper ...

Be­trachten wir doch ein­mal diese Be­griffe et­was ge­nauer: Was ge­nau könnte eine Kraft­an­strengung, was eine Energie­leistung sein? Rein natur­wissen­schaft­lich be­trachtet gibt es die Be­griffe Kraft, Energie und Leistung. Die An­strengung ist leider nicht da­bei. Aus Sicht eines Physi­kers kann man also die Kraft­an­strengung schon mal als sprach­liche Miss­bildung ohne jeden aka­demischen Wert ab­tun. Nicht je­doch die Energie­leistung.

Energie ist in der Physik (einfach aus­ge­drückt) die Fähig­keit, Arbeit zu ver­richten. Sie hat, genau wie die Arbeit, die SI-Ein­heit Joule (J). Mit Leistung be­zeich­net man die Arbeit, die während einer ge­wissen Zeit ver­rich­tet wird. Sie hat des­halb die Ein­heit Joule pro Se­kunde (J/s) oder ein­fach Watt (W). Wie wir sehen, steckt die Energie in der Leistung bereits drin. Das Phä­no­men Energie­leistung, also Energie mal Leistung, also Energie zum Qua­drat pro Zeit, gibt es in der Welt, wie wir sie kennen, nicht.

Nun könnte der Jour­nalist na­tür­lich ein­wenden: „Jetzt legen Sie mal nicht jedes Wort auf die Gold­waage. Ich meinte ganz ein­fach, dass die Jungs vom FCFL be­sonders viel Energie auf­ge­wendet haben, um diese Leistung zu er­bringen." Ach so! Das würde dann aber doch be­deuten, dass sie da­für auch ganz schön viel Zeit ge­braucht haben, oder? 

Nehmen wir an, Herbert S. vom FCFL würde während des Spiels 1000 Watt leisten. Das wären bei­spiels­weise 3.600 Kilo­joule (500 g Schwarz­brot), wo­bei er eine Stunde braucht. Will er aber be­sonders viel Energie auf­wenden, dann in­vestiert er zum Bei­spiel das Zehn­fache (36.000 KJ). Eine ein­fache Rech­nung ergibt, dass er dann aber auch zehn Stunden brauchen muss, um auf eine Leistung von besagten 1000 W zu kommen. Hubert S. würde sich also quasi in Zeit­lupe be­wegen – unter Energie­leistung versteht unser Kommen­tator sicher et­was an­deres. (Außer­dem möchte ich mir nicht vor­stellen, wie der arme Herbert nach 5 kg Schwarz­brot aus­sieht).

Was zeigt uns das? Erstens: Leistung bleibt Leistung – egal, wie­viel Energie man hinein­steckt. Zweitens: Die Energie­leistung ist Quatsch mit Soße – die Kraft­an­strengung sowieso. Drittens: Schwarzbrot ist gut für Sportler – aber in Maßen. Viertens: Sport­journa­listen leben in ihrem eigenen Uni­versum.


 

Konsonantencluster

Juli 2016

Vielleicht haben Sie es noch nicht be­merkt: Die deutsche Zunge schafft es mühe­los, bis zu sechs Kon­so­nanten nach­ein­ander zu sprechen.

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Klingt unwahr­scheinlich? Ist aber so. Im Alltag fällt es uns viel­leicht gar nicht auf, aber Menschen, die Deutsch als Fremd­sprache lernen, haben größten Respekt vor unseren Kon­so­nanten­clustern („Sag mal: Es jauch­zen die Würst­chen im spritzenden Fett!“). Das Pro­blem spitzt sich zu bei so­ge­nannten Kom­posita. Das sind aus be­liebig vielen Kom­po­nenten zu­sammen­ge­setzte Wörter, die es in der deutschen Sprache zu­hauf gibt, und die auch ganz nach Gusto neu ge­bildet werden können – man denke nur an die be­rühmte Donau­dampf­schiff­fahrts­ge­sell­schafts-...

Endet nun der erste Wort­teil mit einem Kon­so­nanten­cluster und be­ginnt der zweite Wort­teil mit einem eben­solchen, dann ent­stehen Ge­bilde, die für die fremd­ländische Zunge schier un­aus­sprech­lich sind.  Zu einiger Be­rühmt­heit hat es der Angst­schweiß ge­bracht, in dem immer­hin acht Kon­so­nanten an­ein­ander ge­reiht zu sein scheinen. Ge­nau be­trachtet sind es deren nur fünf: Das Wort spricht sich [aŋstʃvaɪs]*. Auch die Weih­nachts­stimmung hat in Wirk­lich­keit nur fünf Kon­so­nanten am Stück: [vaɪnaxtsʃtimuŋ]. 

Es geht mir an dieser Stelle näm­lich nicht um Kon­so­nanten­buch­staben, sondern nur um tat­säch­lich ge­sprochene Laute. Das sch be­steht zum Bei­spiel aus drei Kon­so­nanten­buch­staben, aber nur aus dem Laut [ʃ]. Auch ng [ŋ] und ch [ç] bzw. [x] ge­hören zu dieser Sorte. Auf der anderen Seite haben wir x [ks] und z [ts], die je­weils  zwei ge­sprochene Kon­so­nanten ent­halten. (Yp­si­lon und Jot klammern wir hier der Ein­fach­heit halber aus.)

Natürlich kann man beliebige sechs­stellige Kon­so­nanten­cluster kon­struieren – z.B. den Pabst­sprung – aber in den wenigsten Fällen er­geben sie wirklich Sinn. Ich habe hier einmal eine Liste zu­sammen­ge­stellt, die sinn­volle Exem­plare auf­zählt. Ich werde sie nach Mög­lich­keit ständig er­weitern. Gerne nehme ich auch weitere Vor­schläge unter der auf der Start­seite an­gegebenen E-Mail-Adresse ent­gegen.

Liste einigermaßen sinnvoller Wörter mit 6 oder mehr nacheinander gesprochenen Konsonanten
Kunstsprache [nstʃpr]* Grenzstreitigkeiten [ntsʃtr] Textstruktur [kstʃtr]
Sumpfpflanze [mpfpfl] Durststrecke [rstʃtr] Kurzstrecke [rtsʃtr]
Zukunftspläne [nftspl] Schifffahrtsstraße [rtsʃtr] Herzstromkurve [rtsʃtr]
Kampfstrategie [mpfʃtr] Arztsprechstunde [rtstʃpr] 7! Dienstpflicht [nstpfl]
Sicherungssplint [ŋksʃpl] Holzpflege [ltspfl] Salzstreuer [ltsʃtr]
Ankunftszeit [nftsts] Unterhaltspflicht [ltspfl] (wird fortgesetzt)
Noch stärkere Zusammen­rottungen von Kon­so­nanten bei gleich­zeitiger Vokal­knapp­heit findet man in diversen slawischen Sprachen. Hier kommen Wörter teil­weise ganz ohne Vokale aus. Nehmen wir zum Bei­spiel das Serbo­kroatische: smrt ist der Tod, vrt ist der Garten, tvrd heißt hart, grm ist ein Busch, grb ein Wappen, und Grk ist ein Grieche. Das ließe sich fast end­los fort­setzen. 

Im Tschechischen habe ich dann auch den bis­herigen Sieger ge­funden: čtvrthrst [tʃtvrthrst]*, eine viertel Hand­voll – er­innert zwar stark an den oben er­wähnten, eben­falls ziem­lich sinn­freien Pabst­sprung, hat aber sage und schreibe zehn Kon­so­nanten ohne einen einzigen störenden Vokal. Und sogar bei sinn­vollen Wörtern wird man fündig: čtvrtka [tʃtvrtka]. Man bezeichnet damit ein Viertel, und hier sind es immer­hin auch noch sieben Mit­laute in einer Reihe.

Ein Hoch auf die Fein­motorik des Zungen­muskels! Sind Sprachen nicht etwas Schönes?


 *innerhalb der eckigen Klammern befindet sich die IPA-Notation (Internationales Phonetisches Alphabet)

Mir scheint,...

Mai 2016

... dass viele den Unter­schied zwischen an­scheinend und schein­bar nicht kennen.

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Dabei ist es doch ganz einfach:

An­scheinend bedeutet, dass es deut­lich so aus­sieht, als lägen Fakten vor. Wenn ich sage: „An­scheinend hat dein Auto eine Beule“, dann meine ich, dass es für mich so aus­sieht, als habe dein Auto eine Beule. Ich habe den Ein­druck, es kommt mir so vor, allem An­schein nach –  an­scheinend  – ist es so.

Schein­bar ist aber etwas ganz anderes. Etwas gibt sich dann ledig­lich den An­schein, ist aber in Wirk­lich­keit ganz anders. Wenn ich sage: „Dein Auto hat schein­bar eine Beule“, dann weiß ich genau, dass es keine Beule hat – es sieht eben nur so aus, es scheint nur so, es macht fälsch­licher­weise den Eindruck, als sei es so.

Das kann im Ernst­fall von immenser Be­deutung sein. 

Wenn ich sage: „An­scheinend be­trügt dich deine Frau“, dann äußere ich den Ver­dacht, dass deine Frau fremd­geht. Nach allem, was ich ge­sehen und ge­hört habe, nach Lage der Dinge, scheint es so zu sein, die Be­weis­last ist er­drückend. Such dir was Neues.

Sage ich aber: „Schein­bar be­trügt dich deine Frau“, dann teile ich dir mit, dass mich und/oder dich der Schein trügt und dass sie dir in Wirk­lich­keit ver­mut­lich treu er­geben ist. Der An­schein hat sich nicht be­stätigt. Man würde den Satz ver­mutlich deut­licher for­mu­lieren: „Deine Frau be­trügt dich nur schein­bar". Sie tut nur so (warum auch immer). Alles wird gut.

So betrachtet ist es die Sache doch wert, erst ein­mal das richtige Wort zu wählen und dann erst über Schein oder An­schein zu sprechen. Zu­mindest be­wahrt es alle Be­teilig­ten vor Miss­ver­ständ­nissen.


 

Wir sind das Volk!

Feb. 2016

Diese Parole, die einst Deutsch­land ge­eint hat, wird neuer­dings vom rechten Pöbel skandiert. Da­zu sage ich deut­lich: Nein, seid ihr nicht!

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Das Volk – das sind die anderen, die für Frei­heit und Gleich­be­rechti­gung aller Menschen ein­treten, und nicht für ihr eigenes eng­stirniges Welt­bild, in dem alles Fremde an­ge­zündet oder zu­rück­ge­schickt ge­hört, in dem ein Leben nichts gilt und die Volks­zu­ge­hörig­keit alles, in dem ein Araber oder ein­fach jeder Muslim von vorne­herein unter General­ver­dacht steht. 

Was habt ihr eigent­lich gegen Syrer, die durch Kriegs­elend und Ver­folgung dazu ge­nötigt wurden, ihre Hei­mat zu ver­lassen? Glaubt ihr wirk­lich, die kommen nur hier­her, um ein biss­chen Taschen­geld ab­zu­greifen und unsere Frauen und Töchter zu schwängern? Die­jenigen, die sich die be­schwer­liche und lebens­ge­fährliche An­reise leisten konnten und dabei oft­mals engste Fa­milien­an­ge­hörige ver­loren, sie ge­hörten früher zur Mittel­schicht ihres Landes, und sie hatten in ihrer Heimat ein gutes Leben und viele Kollegen, Freunde und Ver­wandte, die sie zu­rück­lassen mussten – und eine jahr­hun­derte­alte Kultur. Das tut nie­mand frei­willig. Aber täg­licher Bomben­hagel kann das be­wirken.

Und hier empfangt ihr sie mit ge­ballten Fäusten und Molo­tow­cock­tails, mit brennenden Fackeln und Scheiß­haus­parolen. Ihr seid wirklich das Salz der Erde, das Licht der Welt, barm­herzige Christen!

Natürlich gibt es in jedem Fass ein paar faule Äpfel (solche wie ihr), aber das be­deutet doch nicht, dass diese Flücht­linge alle­samt un­wert sind, grund­sätzlich schlecht, parasitär und in unsere Ge­sell­schaft nicht zu inte­grieren. Be­denkt, dass auch eure Vor­fahren vor langer Zeit ein­mal in dieses Land ein­ge­wandert sind. Letzten­endes stammen wir doch alle aus Afrika – ja, auch ihr. In­formiert euch ge­fälligst!

Nix für ungut, aber wenn ihr das Volk seid, dann möchte ich nicht da­zu­ge­hören. Mein Volk hat aus den zahl­reichen Fehlern der Ver­gangen­heit ge­lernt, ist ge­läutert, welt­offen und gast­freundlich. 

Ich kann nur wieder­holen: Ich bin nicht Charlie Hebdo, ich bin kein Christ, kein Jude, kein Muslim: Ich bin ein Mensch. Und auch diese Flücht­linge sind in erster Linie genau das: Menschen. Be­handelt sie mensch­lich.


 

Textur?

Dez. 2015

Neuerdings haben sogar Kos­metika und Gour­met­produkte eine. Was ist das eigent­lich: Textur?

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Zuerst ist es mir bei The Taste (Pro7SAT.1 Media AG) auf­ge­fallen: Neuer­dings sind die fach­kundigen Juroren ständig auf der Suche nach der ide­alen Textur. Ich kannte Textur bis vor Kurzem nur als Über­zug für 3D-Modelle in der Com­puter­grafik, oder all­ge­mein als Ober­flächen­struktur.

Was also ist die Textur beim Essen? Die Ober­flächen­struktur der Speisen­be­stand­teile? Das Krümelige der Krume, das Bröckelige des Brokkolis, das Pampige des Pürees? Mit­nichten. „Textur, Textur, ich sage nur: Textur!“ rief ein ob eines be­sonders ge­lunge­nen Pro­bier­löffels enthusias­mierter Drei­sterne­koch be­schwörend in die bei­fall­nickende Runde. Es muss also etwas Außer­ge­wöhn­liches, Er­strebens­wertes, even­tuell so­gar leicht Eso­terisches, schwer Fass­bares sein.

Vielleicht kommen wir mit der Wein­kunde weiter. Hier wird mit Textur das Mund­gefühl (gerne auch Mouth Feeling) be­zeichnet und um­fasst alles, was man nor­maler­weise nicht mit Worten aus­drücken kann: Ge­schmack – oder sen­sorische Wahr­nehmung, um es be­deutender klingen zu lassen. Die Textur eines Weines kann sowohl 

samtig, voll, seidig, dicht, wuchtig, fleischig, cremig, fett, schmelzig oder tief­gründig, als auch leicht, trocken, knackig, vor­nehm, har­monisch oder duftig sein“. (Wikipedia)

Und 

„wenn die Worte aus­gehen oder die Fanta­sie fehlt, hört man auch von einer herr­lichen, grandi­osen, runden, aro­matischen oder einfach schönen Textur“. (ebd.)

Die Ana­logie zu anderen Gaumen­freuden ist nahe­liegend und nach­voll­zieh­bar. Wenn also der sternenbehängte Ober­mützen­träger Textur will, dann meint er ver­mutlich Ge­schmack und Mund­gefühl, ein sahniges Zer­laufen von Saucen, eine prickelnde Espuma, fein­schmelzende Schoko­lade. Aber warum er­klärt uns Nor­mal­ver­brauchern das niemand? Wo­her soll unser­einer das Fach­vokabu­lar kennen? Oder ... hat sich das nur einer von diesen Löffel­schwingern ad hoc aus­ge­dacht und alle anderen Mützen­träger plappern es jetzt nach? „Textur? Super­wort! Muss ich mir merken. Klingt ge­heimnis­voll.“ Mög­licher­weise eine heiße Spur.

Und jetzt taucht in der Wer­bung für Kos­metik­pro­dukte eben­falls auf einmal dieses Zauber­wort auf. Und wieder weiß keiner, was ge­meint ist. Der Ge­schmack wird's ja wohl nicht sein, ge­schweige denn das Mund­gefühl ... Schauen wir mal, was die Fach­welt zu sagen hat:

„Trage- und Applikations­komfort von Kosmetik-Produkten hängen sehr stark von der Textur ab. Ob cremig weich oder präzise, kräftig deckend oder natür­lich trans­parent - die wesent­lichen Eigen­schaften von Kos­metik­stiften werden durch deren Texturen be­stimmt“. (schwancosmetics) 

Das definiert zwar immer noch nicht, was Textur eigent­lich ist, aber ... so eine nebu­löse Vor­stellung be­kommt man schon davon. Mehr ist viel­leicht auch gar nicht be­ab­sichtigt in dieser Welt der An­deutungen und Ver­sprechungen, der Schön­heit und der ewigen Ju­gend. Applikations­komfort, Produkte, Cremig­keit, Präzision, Trans­parenz, Textur - das Voka­bular eines ent­fernten Parallel­uni­versums.

Zum Ab­schluss möchte ich noch weitere Texturen kurz streifen, die auch wieder aus Wiki­pedia ent­liehen sind: 

  • ein „musi­kalisches Muster durch An­ein­ander­reihen von Varia­tionen eines Motivs“
  • die „räum­liche An­ord­nung eines be­stimmten Ge­stein­ge­menges“
  • die „Ge­samt­heit der Orien­tierungen der Kristallite in einem viel­kristallinen Fest­körper“
  • das „polari­sations­mikro­skopische Er­scheinungs­bild einer Meso­phase von Flüssig­kristallen, vor­zugs­weise zwischen ge­kreuzten Polari­sa­toren“
  • der „inter­natio­nale Be­griff für die Zu­sammen­setzung des Fein­bodens nach der Korn­größen­verteilung“.

Welch ein viel­seitiges Wort! Die ganze Welt be­steht aus Texturen. Ist das nicht toll? Ich muss jetzt wieder in die Küche: die Textur meiner To­maten­sauce muss noch ver­bessert werden. Apro­pos Nudeln – auch matschig ist eine Textur. Mahlzeit!


 

Liebe Terrorismusexperten, ...

Nov. 2015

... liebe Sensations­journalisten, an­läss­lich der Morde am 13. No­vem­ber 2015 in Paris: Haltet doch, bitte, ein­fach mal die redens­artliche* Fresse! 

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Es wird sich nichts bessern dadurch, dass 10.000 Zeugen immer wieder schildern, wie schreck­lich das alles war. Wir können es uns auch so vor­stellen. Wir müssen das nicht 24/7 um die Ohren ge­schlagen be­kommen. Wir haben es auch beim ersten Mal ver­standen.

Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass ihr genau denen dient, denen euer ganzer Ab­scheu gilt? Dass ge­rade das Ver­breiten eurer so­ge­nannten Informationen genau den Zielen dient, die die Gegner unserer Kultur, unserer Staats­form, unseres Lebens­stils, unseres Glaubens ver­folgen? Da wird analy­siert, kommen­tiert, gemeint, ge­mut­maßt, orakelt, und alle tanzen sie um das Goldene Kalb: die Quote. 

In Wahr­heit schürt ihr damit Hass – und be­richtet dann wieder von brennenden Asylen, en détail, in High De­fi­nition und zur besten Sende­zeit. Auch ihr schafft ein Klima von Angst und Schrecken, auch das ist eine Form von Ter­roris­mus. Das hat nichts mehr mit Presse­frei­heit zu tun.

Und damit meine ich nicht nur die Vertreter unserer privaten Fernseh­sender samt ihren Nach­richten­kanälen. Auch die Öffentlich-Recht­lichen von Funk und Fern­sehen scheinen der An­sicht zu sein, sie müssten uns mit allen Einzel­heiten ver­sorgen, koste es, was es wolle, zu jeder Zeit, an jedem Ort und ohne jeden Respekt. Alle suhlen sich be­haglich in schauer­lichen Fakten, plastischen Schil­derungen, ver­wackelten Handy-Videos, Vor-Ort-Repor­tagen und tränen­reichen Zeugen­aus­sagen. Wozu?

Ich will das nicht. Gebt dem Terror keine Plattform! Berichtet objektiv und in an­ge­messener Kürze über die Fakten und werft Speku­lationen, Kommen­tare und Hinter­grund­be­richte auf den Müll. Be­richtet erst dann über Er­gebnisse, wenn sie vor­liegen. Das wäre für mich engagierter Jour­na­lis­mus. Das brächte den Tätern und ihren An­stiftern die Auf­merk­sam­keit ent­gegen, die sie verdienen: Keine.

Ich bin nicht Charlie Hebdo, ich bin kein Christ, kein Jude, kein Muslim: Ich bin ein Mensch. Die Opfer des 13. No­vember waren Menschen. Ihre Hinter­bliebe­nen sind Menschen. Gebt ihnen, was sie am meisten brauchen: Ruhe und Würde.


*„ Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal Fresse halten.” (Dieter Nuhr)

Schein-Englisch

Sep. 2015
bis heute*

Den Bodybag umgeschnallt, rein in den Old­timer und ab zum Public Viewing. Aber vorher noch zum Drive-in, man will ja nicht vor lauter Hunger das Happy End ver­passen.

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Da haben wir ja gleich fünf Pracht­exem­plare der Kate­gorie Schein­anglizis­mus im Teaser (nein, das ist keiner). Diese Spezies ist in letzter Zeit in der deutschen Sprache immer häufi­ger an­zu­treffen. Nach dem Motto englisch ist modern werden teil­weise auf Biegen und Brechen aus be­kannten Ver­satz­stücken haar­sträuben­de neue Wörter zu­sammen­ge­bastelt.

Man kann zwei Sorten von Schein­anglizis­men unter­scheiden: Solche, die es tat­säch­lich in der eng­lischen Sprache gibt, dort aber etwas an­deres be­deuten; und solche, die dort gar nicht be­kannt sind. Stets scheint aber, wie ich meine, bei deren Ent­stehung eine ge­wisses Quänt­chen an Igno­ranz im Spiel ge­wesen zu sein.

Ich will jetzt gar nicht mit dem Handy an­fangen. Das ist eine längere Ge­schichte, die genug In­forma­tionen für einen eigenen Artikel her­gibt. Starten wir also zu­nächst mit der ersten Sorte, den Wörtern, die im Eng­lischen eine andere Be­deutung haben:

  • Der Bodybag: Im Deutschen die Be­zeich­nung für eine Art Um­hänge­tasche, im Eng­lischen ein Leichen­sack. Die vor­ge­nannte Tasche heißt übri­gens richtig messenger bag.
     
  • Das Public Viewing: In Deutschland gerne auch Rudel­glotzen ge­nannt und regel­mäßig bei Fuß­ball­groß­er­eig­nissen ver­an­staltet, kennt der des Eng­lischen Mächtige als öffentliche Aufbahrung eines Leich­nams. Der richtige Aus­druck wäre public screening. Wer also mit dem Body­bag zum Public Viewing geht, liegt gar nicht mal so da­neben ...
     
  • Der Oldtimer: Im Deutschen ein über dreißig Jahre altes Auto, im Eng­lischen ein alter Mann. Der korrekte Aus­druck ist vintage car oder classic car.
     
  • Der oder das Drive-in: Im Deutschen ein Geschäft mit Auto­schalter, das der Ameri­kaner viel richtiger als drive-thru, be­zeich­net, weil man ja hin­durch (through) fährt und nicht hinein (in). Ein Drive-in ist ein Auto­kino – da fährt man ja auch tat­säch­lich hinein
     
  • Der Smoking: Als Abend­anzug mit seidenen Revers kennt ihn der Deutsche. Auf englisch heißt smoking schlicht Rauchen (no smoking = Rauchen verboten). Der Ami sagt tuxedo zu seinem Smoking, während der Eng­länder vom dinner jacket oder dinner suit spricht.
     
  • Der Streetworker: Sozialarbeiter, der in sozialen Brenn­punkten auf der Straße arbeitet. Der Eng­länder nennt seine Straßen­prostitu­ierten street­worker (to work the streets = auf den Strich gehen). Was wir meinen heißt social (street) worker – vive la différence!
     
  • Das Speedboot: Die Formel 1 unter den Motor­booten. Aber nur bei uns. Im englisch­sprachigen Raum zieht man mit speedboats Wasser­ski­fahrer oder dreht mal eine flotte Runde über den See. Aber die mit bis zu 260km/h richtig schnellen Renn­maschinen heißen dort power boat.
     
  • Der Beamer: So bezeichnet man hier­zu­lande einen Video­projektor, der folge­richtig auf englisch video pro­jec­tor oder digi­tal pro­jec­tor heißt. Beamer oder Beemer sagt der Nord­ameri­kaner zu seinem BMW, um sich das um­ständ­liche Bie-Emm-Dabbeljuh zu er­sparen. Ist er hin­gegen Weber, dann kennt er den beamer auch in seiner Funk­tion als Ketten­anschärer.
     
  • Das No-Go: Ein Verbot oder Tabu. Die auch schon ziemlich bescheuerte Formulierung „Das geht gar nicht“ wurde mal eben flugs ver­deng­lischt zu „das ist ein ab­so­lutes No-Go“. Der Ameri­kaner nennt so etwas ein no-no. „This is no-go“ heißt hin­ge­gen „Das funktio­niert nicht“, wobei no-go ein Adjektiv ist. Es ent­stammt dem Astro­nauten­jargon, wo es unter anderem die beiden Begriffe go (intakt) und no-go (kaputt) gibt.
     
  • Der Slip: Eine meist knapp geschnittene Unter­hose – wahr­schein­lich aus dem Schlüpfer (to slip = schlüpfen) ent­stan­den. Im Eng­lischen be­zeich­net slip ein Unter­kleid, wäh­rend unser Slip dort als briefs be­kannt ist.
     
  • Der Overall: Arbeitsanzug, den man über die normale Be­kleidung zieht, auf englisch aber ein Arbeits­mantel. Der richtige Begriff ist overalls, coverall oder jump suit.
     
  • Das Shooting*: Ist bei uns ein Fototermin, bei dem meistens Mode-Auf­nahmen ge­macht werden. Auf englisch heißt das photo shoot. Shooting ist in englisch­sprachigen Ländern eine Schießerei!
     
  • Der Body*: Ein einteiliges Kleidungsstück, über­wiegend von Frauen ge­tragen, sieht man auch schon mal beim Shooting. Der Brite/Amerikaner sagt dazu body suit. Body heißt einfach Körper, oder auch Leiche – das passt dann wieder zum Shooting...
     
  • Der Evergreen: Bei uns ein Hit aus vergangenen Tagen, den auch heute noch jeder kennt. Im Eng­lischen ist ever­green – zu­mindest in den meisten Fällen – eine Koni­fere (ein Nadel­baum). Wer beim DJ jedoch Golden Oldies be­stellt, der be­kommt das Ge­wünschte.
     
  • realisieren: Das englische to realise bedeutet erkennen, merken, begreifen. In diesem Sinn wird es auch gerne fälschlich im Deutschen benutzt. Etwas realisieren bedeutet aber eigentlich, dass man etwas verwirklicht, etwas in die Tat umsetzt. Realisieren und to realise sind falsche Freunde (false friends).
     

Und nun zur zweiten Sorte, den komplett er­fundenen Schein­anglizis­men (wer denkt sich bloß so einen Mist aus?):

  • Das Happy End: Würde der Engländer als Fehler einstufen, da es happy ending heißt. War dem Deutschen wahr­schein­lich zu lang und zu kom­pliziert.
     
  • Der Pullunder: Kurzärmlig wie eine Weste, aber ohne Knöpfe, meist unter dem Sakko ge­tragen. Bei Hans-Dietrich Genscher immer gelb. Meist „Polunder“ aus­ge­sprochen, wie Ho­lunder – keinesfalls jedoch „Pulander“. Heißt auf englisch sweater vest. Ein englisches Wort pullunder gibt es nicht, wohl aber to pull somebody under, was soviel heißt wie je­man­den herunter­ziehen. Übrigens ist auch der Pullover nur im deutschen und romanischen Sprachgebiet bekannt – in England heißt er meistens jumper, in Amerika sweater.
     
  • Der Discounter: Der Supermarkt mit dem einfachen Sorti­ment und den niedrigen Preisen. Kommt von englisch discount = Rabatt. Das Äqui­valent heißt aber discount store.
     
  • Der Hometrainer: Übungsgerät für den Haus­ge­brauch zum Er­werb und zur Be­wah­rung von Fit­ness. Auf eng­lisch spricht man von einem exercise bicycle. Von einem home­trainer hat der Engländer noch nie gehört.
     
  • Das oder die Basecap: Kappe mit großem Schirm, zunächst bei Base­ball­spielern be­liebt, später (leider) bei jeder­mann. Heißt auf eng­lisch auch völlig korrekt baseballcap, was aber der deutschen Zunge anscheinend nicht zumutbar ist.
     
  • Der Messie*: Jemand, der Sachen an­häuft und nichts weg­werfen kann. Das Adjektiv messy (un­ordent­lich, chaotisch) ist in anglo­phonen Ländern be­kannt, der Messie aber nicht. Dort nennt man ihn compulsive hoarder.
     
  • Der Talkmaster: Leitet bei uns eine Talk­show. Des­halb heißt er im Eng­lischen auch talk show host oder auch chat show host. Der Gast­geber einer Talk­show. Einen – wie auch immer ge­arteten – talk­master (Sprechmeister) gibt es in der eng­lischen Sprache nicht.

Ich umgehe solche Be­griffe lieber weit­räumig, weil ich andern­falls immer in der Angst leben müsste, ent­tarnt zu werden, und was ich da wieder für einen Müll von mir gäbe, und es wisse doch schließ­lich mittler­weile jeder, dass ...

Man muss sich stets auf dem Laufenden halten. Die ersten paar Monate darf man solche Schein­anglizis­men gerne mal hie und da fallen lassen. Wenn sich's dann aber herum­ge­sprochen hat, das mit dem falschen Schein, dann sollte man schon wieder ab­ge­sprungen sein, sonst ist das ein ab­so­lutes No-Go.


* Dank an Dana Newman (WantedAdventure) für einige Ergänzungen.
-  Diese Liste wird ständig weiter vervollständigt.

 

Pari-pari unentschieden

Mai 2015

Für unentschieden gibt es sinnvolle und sinnfreie Um­schreibungen.

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Neulich hat so ein Fernsehmoderator mal wieder seine Formulierungs­kunst unter Be­weis stellen wollen, in­dem er ein für beide Parteien gleich gutes oder schlechtes Er­geb­nis als „pari-pari un­ent­schieden“ be­zeich­nete. Vor so viel Krea­tivität ziehe ich meinen Hut!

Der Duden kennt pari stehen, was soviel wie Gleich­stand heißt. Er kennt auch remis, das er so de­finiert: „Im Gleich­stand, patt; (Sport) punkt­gleich, un­ent­schieden“.

Was meinte unser Fernsehfuzzi also wohl mit pari-pari unentschieden? Ist das jetzt noch gleicher als gleich – so­zu­sagen drei­mal gleich? Ich ver­mute, dem Sprecher er­schien von irgend­wo­her ein Fifty-fifty, das er dann, nicht im­stande diesen in­spira­tiven Furz ein­zu­halten, blitz­schnell der Situation an­passte und par-pari daraus er­schuf. Diese Auf­doppelung hatten wir ja schon ein­mal bei der Mund-zu-Mund-Propaganda, und auch dort traf sie irgend­wie nicht so recht den Kern. Und weil der Herr Mo­derator uns alle für blöde hält und meint, wir wüssten nicht, was pari heißt, hängt er an seine Neu­schöpfung gleich­sam als er­klärende Über­setzung auch noch un­ent­schieden an: Pari-pari un­ent­schieden. Typi­sches Fern­seh-Blabla, das sich wohl früher oder später im Wort­schatz seiner Mo­dera­toren- und Jour­nalisten­kollegen und leider sicher auch in dem der Zu­schauer wieder­finden wird.

Fassen wir zu­sammen: Pari-pari gibt es nicht. Für unentschieden gibt es je­doch eine riesige Aus­wahl an Syno­nymen. Da muss wirk­lich nichts Neues mehr er­funden werden!


 

Stundenkilometer?

Jan. 2015

Der Stundenkilometer ist in aller Munde, denn er zer­geht auf der Zunge, er flutscht so schön raus. Kilometer pro Stunde hat nur eine Silbe mehr, aber es fühlt sich sperrig an, die Gaumen­aus­kleidung ist un­be­friedigend. Was also spricht gegen das leckere Neu­wort? 

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Ich möchte hier gerne einmal zitieren, was ein von mir sehr ge­schätzter Sprach­wissen­schaftler, nämlich Daniel Scholten in seinem hoch­interessanten Blog zu diesem Thema zu sagen hat:
Zurück zu den Stundenkilometern. Herr, laß Hirne regnen! Das hat mein Phy­sik­lehrer immer zu mir gesagt. Natür­lich be­zeich­net auch die­ses De­ter­minativ­kompo­situm einen Quoti­enten: Kilo­meter in Be­zug auf die Stun­de, denn das n ist keine Plu­ral­endung, son­dern ein Fugen­ele­ment. Stun­den­kilo­meter sind also Kilo­meter pro Stunde.

Einigen wir uns zunächst darauf, dass es sich bei dem Begriff Kilometer pro Stunde um eine physi­kalische Ein­heit handelt. Es ist die Ein­heit der Ge­schwindig­keit, ein Quotient aus Weg und Zeit. Da die Kilo­meter im Zähler und die Stunden im Nenner stehen, schreibt man ge­mein­hin km/h, wobei der Schräg­strich das Divisions­zeichen des Bruches darstellt und geteilt durch oder pro aus­ge­sprochen wird. Einigen wir uns ferner darauf, dass man das Pro­dukt a·b in der Mathe­matik auch als ab be­zeichnen darf, und dazu dann auch Ahbeh sagt.

Deshalb darf man zur Ein­heit der Arbeit statt Watt mal Sekunde auch Watt­sekunde (Ws) sagen. Eine andere Ein­heit für Arbeit ist Nm, New­ton mal Meter, also Newton­meter. Genau­so verhält es sich mit der Ampère­stunde (Ah), der Ein­heit für die elek­trische Ladung, also z.B. für die Kapa­zität von Akkus. Das Licht­jahr wäre auch noch zu nennen, eine Ein­heit für sehr große Ent­fer­nungen. Ein Licht­jahr ist das Pro­dukt aus Licht­geschwin­dig­keit (300.000 km/s) und einem Jahr (ca. 31.500.000s), also ungefähr 9,5 Billi­onen Kilo­meter.

Was ist dann also ein Stunden­kilometer? Aus dem Vor­ge­nannten folgt, dass es die Einheit hkm, also Stunden mal Kilo­meter sein muss. Das hat nichts mit Sprach­wissen­schaften, sondern aus­schließ­lich mit Natur­wissen­schaften zu tun. Einen Aus­druck Kilometer in Bezug auf die Stunde, den unser Sprach­wissen­schaftler hier so nebu­lös kon­struiert, gibt es nicht, oder sagen wir's ganz deut­lich: er ist ab­soluter Quatsch! Egal, ob das n ein Fugen-n oder eine Plural­endung ist: da­durch wird es ledig­lich Quatsch mit Soße. 

Scholten blödelt dann noch etwas herum, dass ein Reihen­haus schließ­lich nicht das Pro­dukt aus Reihen und Häusern sei, sondern ein Quotient, „von allen Häusern nur die, die in Reihe stehen“. Außer­dem be­zeich­neten Sonnen­tage schließ­lich nicht das Pro­dukt aus Sonne(n) und Tagen, „sondern Tage mit Sonnen­schein“. 

Ge­mäß dieser Logik wären also Stunden­kilo­meter ent­weder „Kilo­meter mit Stunden“ oder „von allen Kilo­metern nur die, die ...“, ach was, lassen wir's ein­fach. Das geht auch völlig am Thema vor­bei: Reihen­haus und Sonnen­tag sind keine physi­kali­schen Ein­heiten. Herr, schmeiß Hirn. In der Tat!

Physikalische Einheiten stehen nicht zur Dis­position. Sie können nicht in be­liebiger Weise durch Sprach- oder andere Wissen­schaftler so lange hin und her ge­bogen werden, bis sie ein sprach­liches oder sonstiges Phäno­men er­klären können. Man kann aus einem Kilo­meter pro Stunde keinen Stunden­kilometer machen. Ebenso­wenig kann man aus einer Kilo­watt­stunde (KWh) ein Kilo­watt pro Stunde machen (wie es manche Zeit­ge­nossen gerne hyper­korrigieren). 

Ich sage klipp und klar: Der Stunden­kilo­meter ist hirn­loses Dumm­deutsch. Im privaten Kreis kann man das schon ein­mal durch­gehen lassen; jeder darf schließ­lich so sprechen, wie es seinen Fähig­keiten und Nei­gun­gen ent­spricht. In öffent­lich zu­gänglichen Medien wie Radio, Fern­sehen, Print und Inter­net, hat der Stun­den­kilo­meter hin­gegen ab­solut nichts zu suchen.


 

Tiernahrung

Nov. 2014

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass aus dem guten alten Tier­futter plötzlich Tier­nahrung ge­worden ist?

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Die Baumarktkette Praktiker ist schon fast in Vergessenheit geraten. Nur nicht ihr Slogan „15% auf alles, außer Tier­nahrung“. Hatten Sie vorher schon ein­mal das Wort Tier­nahrung ge­hört? Ver­mut­lich nicht.

Dennoch ist sie heute gewissermaßen in aller Munde. Vorbei die Zeiten, als es im Super­markt noch Regale mit Hunde­futter, Katzen­futter oder all­gemein Tier­futter gab. Tiere werden heut­zu­tage nicht mehr ge­füttert, sondern er­nährt! Das geht ver­mutlich mit dem grassierenden Gesund­heits­wahn einher, der allent­halben herrscht. Man muss mehr auf die Ernährung achten, schallt es aus sämtlichen Rund­funk- und Fern­seh­kanälen, raschelt es aus dem Blätter­wald. Bei der richtigen Er­näh­rung ist selbst­verständ­lich auch die richtige Nah­rung von äußerster Wich­tig­keit. Und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch beim ver­götterten Haus­tier.

Kamen früher nur Fleisch und Innereien ins Hunde­futter, über­wiegend Teile, die von Menschen nur un­gern ver­zehrt werden, so findet man heute wert­volles Ge­treide und feinstes Ge­müse, sowie Vit­amine und Spuren­elemente darin. Der Her­steller freut sich, weil pflanz­liche Zu­sätze schön billig sind, das Herr­chen wundert sich, woher der Hund plötz­lich die Flatulenz hat. Hat ihm denn noch nie jemand gesagt, dass Hunde und Katzen nicht in der Lage sind, Pflanzen­fasern zu ver­dauen? Die Folge: es gärt im Gedärm. 

Und die Pharmaindustrie verdient auch gerne mit bei diesem Paradigmenwechsel. Jetzt brauchen nicht nur gesunde, kranke, junge, alte, sportliche und un­sport­liche Menschen genau ab­gestimmte Nahrungs­zusätze, so­genannte Nahrungs­ergänzungs­mittel (was für ein teutonischer Koloss), sondern auch das liebe Vieh. In den schlechten alten Zeiten sind ver­mutlich tag­täglich aber­tausende von Haus­tieren elendig an Mangel­er­nährung ein­ge­gangen. Ein drei­fach Hoch auf die Vitamin­panscher!

Randerscheinung des Ganzen ist, dass die Viecher auch noch schlechte Zähne be­kommen, was bei reiner Fleisch­er­nährung nicht der Fall zu sein scheint. Schon ist die Zu­behör­sparte mit Kau­knochen zur Stelle, die an­geblich die Zähne re­minerali­sieren und auch noch gegen schlechten Mund­geruch wirken sollen. Bei Zahn­fäule hilft das aber auch nicht.

Jetzt werden natürlich einige ganz Schlaue ein­wenden: früher auf dem Bauern­hof, da haben die Hunde be­kommen, was vom Tisch abfiel. Nicht nur Fleisch, sondern auch Kar­toffeln und Ge­müse, die Ab­fälle eben. Da­gegen ist zu­nächst ein­mal nichts ein­zu­wenden. Aber der Hof­hund auf dem Bauern­hof befindet sich normaler­weise auf dem Hof und nicht im Haus. Da fällt es nicht weiter auf, wenn er hinten- und vorn­herum ein wenig streng müffelt. Im Hause möchte ich so eine Bio­gas­anlage aber nicht so gerne haben.

Also: Vergesst die Tiernahrung, gebt euren Tieren wieder Futter, dann klappt's auch wieder mit dem Raum­klima. 


 

Teilen

Aug. 2014

Brauchen auch Sie stets das neueste Smart-Phone und die aktuellsten Apps, um Ihre Bilder und Film­chen noch besser und schneller mit Ihren Freunden teilen zu können?

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Beim Wort teilen sträuben sich mir in letzter Zeit die Nackenhaare. Jeder will plötzlich mit jedem und überall alles teilen. Woher kommt diese neuartige Selbst­losigkeit? Wenn ich etwas mit jemandem teile, dann gehört ein Teil dessen, was bis dahin allein mir gehörte jetzt ihm, und mir fehlt es. Das ist der Sinn von teilen: „If I give my heart to you, I’ll have none and you’ll have two*“, wie schon Paul Hogan alias Crocodile Dundee wusste. 

Natürlich ist da mal wieder ein Wort aus Amerika herübergeschwappt: to share. Dieses wurde nun etwas un­geschickt mit teilen übersetzt und ist jetzt in aller Munde. Aber to share bedeutet etwas ganz anderes: Ich stelle etwas zur all­ge­meinen Ver­fügung, sodass viele andere es eben­falls haben können, sie können daran teil­haben, und (ganz wichtig): ich habe an­schließend nicht weniger als vorher. Wie könnte man das auf Deutsch mit einem Wort ausdrücken?

Gar nicht. Denn für to share (alle teilhaben lassen), to divide (unter mehreren aufteilen) und to split (unter zweien auf­teilen) gibt es im Deutschen als Einzel­wort nur teilen. Dennoch klingt es in meinen Ohren falsch, bemüht, hölzern und verkehrt übersetzt, es ver­kantet sich in Gehör­gang.

Eine ganz andere Frage ist, warum plötz­lich alle alles mit allen teilen wollen. Früher hat man Freunde und Be­kannte schon mal mit dem Foto­album ge­lang­weilt, oder besser noch mit einem Dia­abend. Heute muss man alles was einem vor die Linse kommt so­fort mit der ganzen Welt teilen. Nicht etwa nur mit dem guten Freund (schau mal, was ich gestern ge­sehen habe), sondern mit allen Freunden und Followern in den immer zahl­reicheren sozialen Netz­werken. Und die freuen sich dann ein Loch in den Bauch über so viele tolle Bilder! 

Dass bei so massiver Infor­mations­aus­tauscherei auch gerne mal was Wichtiges liegen bleibt, wie zum Bei­spiel per­sön­liche Be­ziehungen, ver­steht sich wohl irgend­wie von selbst. Wichtig ist in diesem Falle dann ver­mutlich nur, dass ich der ganzen sozialen Ge­meinde vom Nieder­gang meiner Ehe, Partner­schaft oder Freund­schaft en detail berichte, damit alle meine Trauer teilen können. Denn: „Ge­teiltes Leid ist hal­bes Leid”, wie schon der Volks­mund zu be­richten nicht müde wird.

Diesen Gedanken wollte ich nur schnell mit Ihnen teilen. Interessiert Sie nicht? Nicht mein Problem. Teilen Sie's mit Ihren Freunden ...


* wenn ich dir mein Herz gebe, dann habe ich keines und du hast zwei

Reife Leistung

Apr. 2014

Sie haben Abitur? Dann wissen Sie doch sicher, warum die Hoch­schul­reife bei uns „Abitur“ heißt und ein Neutrum ist, oder?

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Wer in Österreich, der Schweiz, in Liechtenstein oder Südtirol die allgemeine Hochschulreife erwirbt, der hat „Matura“ – von lateinisch maturus, „reif“. In Frank­reich erhält er das „baccalauréat“, auch kurz nur „bac“ genannt – das kommt von baca­laureus, dem ersten höheren Ab­schluss (lat. bacca laurea = Lorbeere). In englisch­sprachigen Ländern gibt es gar nichts Ent­sprechendes außer viel­leicht einem „degree“ – von lateinisch degradus, „Stufe“.

Bei uns in Deutschland ist es das Abitur. Warum eigentlich das Abitur? Die Fraktur, die Agentur, die Blessur, die Ligatur, alle sind weiblich, nur nicht das Abitur. Weil, ja weil es sich, genau wie beim Abi, um eine Abkürzung handelt. Das ganze Wort lautet eigentlich Abiturium (und ist somit ein Neutrum). Aber auch dieses ist wiederum (glaubt man Kluge*) eine Ab­kürzung, nämlich für Abiturienten-Examen. Der Abiturient ist dem­gemäß viel älter als das Abitur. Der Abiturient ist „einer, der weg­gehen will“, zu lateinisch abiturire, „weg­gehen wollen“, von ab-ire „weg­gehen“, von ire „gehen“.

Und deshalb, liebe Duden-Redaktion und liebe Sprach­regulierer, sollte man das Abitur nicht A-bi-tur trennen, wie es die Neue Deutsche Recht­schreibung verlangt, sondern Ab-i-tur. Aber das sei nur ganz am Rande bemerkt.

Wer dann nach Abitur und Studium schließlich ein Diplom erhält, der bekommt wörtlich etwas Gefaltetes, von griechisch diplous, „doppelt, gefaltet“, für den ge­falteten und ge­siegelten offiziellen Brief, den man einst für seine Mühen bekam.

Hat man es gar bis zum Doktor geschafft, dann ist man eigentlich ein Lehrer, von lateinisch docere, „lehren“, welches sich auch im Dozenten wiederfindet. Wohingegen der Professor aus dem lateinischen profiteri, „laut und öffentlich erklären“, entlehnt ist.

Es behaupte also bitte niemand, das Studium der Alten Sprachen sei uninteressant oder gar sinnlos!


* Kluge Etymologisches Wörterbuch, 24. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin

Mixer-Durcheinander

Feb. 2014

In Kochshows wird in letzter Zeit fast jede Küchen­maschine als „Mixer“ be­zeichnet – Ver­such einer Be­griffs­klärung.

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Liebe Im-Fernsehen-aus-dem-Off-Dampfplauderer: Nicht jedes Küchenhelferlein, welches eine Schnur und einen Netz­stecker besitzt, ist ein Mixer. Folgende Zer­kleinerer (neu­deutsch auch Food­prozessor genannt) gibt es:
  • Die Universal-Küchenmaschine: Der Unimog unter den Küchengeräten. Besteht aus einem leistungs­fähigen Motor­block und ver­schiedenen An­schluss­möglich­keiten für Schnee­besen, Knet­haken, Durch­lauf­schnitzler, Fleisch­wolf sowie einen Mixer (siehe unter „Mixer“). Für fast alle an­fallenden Arbeiten in der Küche ein­setzbar.

  • Das Handrührgerät: Besteht aus einem nicht ganz so leistungsfähigen Motorblock mit einem Hand­griff, einstell­barer Ge­schwindig­keit und An­schlüssen für Schnee­besen und Knet­haken. Sein Ein­satz­gebiet ist das Her­stellen von Schlag­sahne, Ei­schnee, sowie leichten bis mittel­schweren Teigen. Kein Mixer!

  • Der Pürierstab: Auch als Passierstab bekannt, besteht aus einem grob zylinderförmigen Motor­block mit hoher Dreh­zahl, an dessen ver­längerter Welle sich ver­schiedene Messer­sterne oder Schlag­scheiben aufsetzen lassen. Seine Domäne ist das Arbeiten in Töpfen, z.B. zum Pürieren von Suppen, dem Be­seitigen von Klumpen in miss­glückten Saucen und ähn­lichem. Auch Schlag­sahne und Ei­schnee kann man damit herstellen; auf keinen Fall je­doch Kartoffel­püree – der ent­stehende Kleister ist un­genieß­bar. Kein Mixer!

  • Der Mixer: Ein feststehender Motorblock mit variabler Drehzahl, auf den oben ein Glas- bzw. Kunstoff­gefäß mit Griff und Aus­gießer, meist zwei­teiligem Deckel, sowie unten innen­liegendem Messer­stern, auf­gesetzt wird. Wird be­vor­zugt zum Her­stellen von Milch­mix­getränken (Shakes) sowie (mit ge­botener Vor­sicht) zum Pürieren von Suppen. Auch Mayonnaisen sind kein Problem, da das Öl lang­sam durch die Ein­füll­öffnung im Deckel zu­gegeben werden kann.

Also, ganz einfach zu merken: ein Mixer ist durchsichtig mit Griff und Ausgießer. Merken fürs nächste Mal! Ihr bezeichnet ja schließlich auch nicht Dreirad, Fahrrad und Moped als Auto, bloß weil man damit fahren kann.


 

Ich persönlich …

Jan. 2014

… finde das eigentlich ganz gut. Haben Sie das schon einmal gehört? Was könnte das be­deuten? Was sollte es be­deuten?

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Ich finde das gut. Das ist eine klare Aussage. Ich finde das eigentlich gut sollte eigentlich von einem aber gefolgt werden, wird es aber in den selten­sten Fällen. Ich finde das ganz gut schränkt gut nur ein bisschen ein, so wie früher die Kopf­note im Ganzen gut. Der Aus­druck eigentlich ganz gut be­deutet also im Klar­text: naja, geht so. Die meisten Sprecher solch ein­schränken­der Sätze meinen das aber gar nicht so. Sie meinen: Ich finde das gut, aber sie sagen etwas anderes.

Und dann: „Ich persönlich …“, „Ich für meinen Teil …“, „Wenn Sie mich fragen …“ - könnte man alles weg­lassen. Wo­zu dieses ständige Ge­schwurbel, diese Füll­wörter? Na ja ich will's mal so sagen: weil sie dem Hirn eine kurze Aus­zeit verschaffen um schnell weiter­formulieren zu können - Sende­pause so­zusagen. Weitere beliebte Modal­partikel sind: schon, freilich, halt, eben, ja, aber, vielleicht, einfach, doch, bloß, nur, mal, mit denen man ja doch schon einfach mal eben ganze Sätze füllen kann, ohne ein Wort sagen zu müssen.

Gerne hebt z.B. Frau Dr. Merkel mit den Worten an: „Ich persönlich finde eigentlich …“, was absolut nichts zum Thema beiträgt. Aber das Hirn kann sich während­dessen schon mal mit anderen Dingen be­fassen, der Mund ist ja hin­reichend be­schäftigt. An­genehmer fände ich, wenn diese Füll­wörter­verwerter vor dem Sprechen nach­dächten und dann präziser formulierte Sätze von sich gäben. Viel­leicht schwiegen sie dann in dem einen oder anderen Fall sogar – kaum aus­zudenken.

Aber nicht nur Politiker sind von Schwurbe­litis be­fallen. Talk­shows sind wahre Horte ge­pflegter Wort­füllerei. „Also mir ist da ja mal folgen­des passiert …“, „Dazu muss ich dann aber etwas weiter aus­holen …“, „Naja, also, ich sehe das jetzt so …“. Über fünfzig Pro­zent Wort­hülsen­an­teil. Klingt nach Voll­korn, ist aber Wasser­suppe.

Apropos: Auch in Koch­shows habe ich schon ge­hört: „Das schmeckt ganz gut“ - ge­meint war: „Das schmeckt sehr gut“, oder wie es ein ge­wisser stei­rischer Sterne­koch gerne for­mu­liert: „Mmmmmh, lecker“. Das nenne ich eine klare Aus­sage.


 

Tragische Umstände

Aug. 2013

Warum wird eigentlich fast jeder Unglücks­fall von Presse, Funk und Fern­sehen als tragisch tituliert?

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Es ist ein heikles Thema, dem ich mich heute zuwende. Aber die Tageszeitungen, Nachrichten­journale und Inter­net­portale übertrumpfen sich ja förmlich mit tragischen Er­eignissen. Ich finde, es ist an der Zeit auch in diesem sensiblen Bereich einmal für Auf­klärung zu sorgen.

Wenn jemand mit seinem Fahrzeug verunglückt und dabei zu Schaden oder gar ums Leben kommt, dann ist das traurig. Wenn ein Kind im Frei­bad ertrinkt, weil niemand seinen Todes­kampf bemerkt, dann ist auch das traurig.

Um aus einem traurigen Ereignis ein tragisches Ereignis zu machen, bedarf es einer tragischen Verwicklung. Mein alter Deutschlehrer erklärte es einmal folgender­maßen: Wenn je­mand von der Klippe in den Tod stürzt, dann ist das traurig. Versucht aber jemand anders diesen Sturz zu ver­hindern und kommt dadurch seiner­seits zu Tode, dann ist das tragisch. Man spricht in solchen Fällen auch gerne von einer tragischen Ver­kettung von Um­ständen.

Befragen wir einmal Wikipedia zur „Tragödie“:

[...] Kennzeichnend für die Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur. Ihre Situation verschlechtert sich ab dem Punkt, an dem die Kata­strophe eintritt. In diesem Fall bedeutet das Wort Kata­strophe nur die un­aus­weich­liche Ver­schlech­terung für den tragischen Helden. Aller­dings bedeutet diese Ver­schlech­terung nicht zwangs­läufig den Tod des Pro­tago­nisten. [...]

In unserem Beispiel bedeutet das für unseren Helden (Retter), dass sich seine Lage (Sturz) un­aus­weichlich ver­schlechtert (Exitus durch Auf­prall), wobei nicht unbedingt auch der Klippen­springer zu Schaden kommen muss. Mischt sich unser Held jedoch nicht ein, dann ist er kein Held, aus der Tragödie wird nichts, und der Vor­gang findet ein trauriges Ende.

Also, liebe Journalisten, Berichterstatter und Sensationsreporter: Greift nicht immer gleich zur großen Tragik-Keule; auch ohne sie ist schon alles traurig genug. 


 

Tagesschau24

Mai 2013

Ihr blendet doch gerne solche kurzen und knappen Nach­richten­schnipsel unter Euren Sendungen ein – Ihr solltet mal den Ver­ant­wort­lichen aus­wechseln.

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Der ehemals einsextra genannte Fernsehsender tagesschau24 beschäftigt offenbar einen des Deutschen nicht ganz mächtigen Redakteur für seinen Nach­richten­ticker. Ich will das hier nur einmal anhand dreier will­kürlich am 12.05.2013 um 01:15 Uhr heraus­ge­griffener Texte aufzeigen:
Rosberg in Barcelona auf Pole vor Hamilton und Vettel.

Was will mir dieses knappe Statement sagen? Es gibt in Barcelona einen Stadtteil, der Rosberg heißt? Glaube ich nicht. Vielleicht gibt es einen Herrn Rosberg, der in Barce­lona lebt und Pole ist? Nein, das ergibt auch keinen Sinn. Gut, ich gebe es zu, ich stelle mich hier ziemlich dumm. Natürlich habe ich schon einmal etwas von der Formel-1 gehört. Versuchen wir’s noch einmal: Ros­berg ist also vor Hamil­ton und Vettel in Barce­lona auf Pole. Auf Koks kenne ich, aber auf Pole ist mir neu. Sollte es sich also eventuell um die Pole­position handeln? Das ergäbe zu­mindest ansatz­weise Sinn. Formulieren wir also neu:

Formel-1: In der Qualifikation zum Großen Preis von Spanien er­rang Ros­berg die Pole­po­sition vor Hamilton und Vettel.

Zu lang? Das glaube ich nicht. Auf einem handelsüblichen 16:9-Fernseher passt diese Information locker in eine Zeile. Aber weiter mit der nächsten Mel­dung. Diese ist schon etwas länger, passt aber auch in eine Zeile:

Syrien-Konflikt: US-Außenminister Kerry sieht Be­weise für Chemie­waffen­ein­satz.

Im Ansatz schon besser. Einleitend weiß man also schon einmal, dass es um den Konflikt in Syrien geht. Aber dann: Kerry sieht Beweise. Ich stelle mir das gerade bildlich vor: Er steht vor einer langen Reihe von Tischen, auf denen die Be­weise ausgebreitet sind, er schreitet sie ab und sieht sie. Ich habe den Verdacht, dass ich mir hier ein falsches Bild mache. Gemeint war vermutlich:

Syrien-Konflikt: US-Außenminister Kerry hält Chemie­waffen­ein­satz für er­wiesen.

Das ist genauso lang, ist aber besser, weil richtiger formuliert. Bei dem sehen handelt es sich vermutlich um einen Angli­zis­mus bzw. Amerika­nis­mus, der sich klamm­heimlich in die deutsche Journa­listen-Sprache eingeschlichen hat. Ebenfalls knapp daneben ging folgende Aussage:

NSU-Morde: Türkischer Außenminister Davutoglu trifft An­ge­hörige der Opfer

... wahrscheinlich mitten ins Gesicht, oder? Vermutlich hat er sich mit ihnen getroffen, das klingt doch schon viel freund­licher (und auch fried­licher). Davon abgesehen finde ich den Ausdruck NSU-Morde grauenhaft. Mit NSU verbinde ich als Auto- und besonders als Old­timer-Narr die 1969 in der Audi NSU Auto Union AG auf­ge­gangenen NSU-Motoren­werke in Neckar­sulm. Dass sich eine Neo­nazi-Gruppe der gleichen Ab­kürzung bedient ist in meinen Augen purer Frevel. Aber zugegeben: Neo­faschistische Mord­serie ist nicht so griffig wie NSU-Morde. Ganz am Rande sei noch be­merkt, dass der türkische Außen­minister Davutoğlu (Sohn des Davut/David) heißt; das „ğ“ wird nicht mitgesprochen. Man könnte also schreiben:

Neonazi-Mordserie: Türkischer Außenminister Davutoğlu trifft sich mit An­ge­hörigen der Opfer.

Liebe hochgeachtete und seriöse Tagesschau, achte doch bitte ein wenig mehr darauf, was Du uns Zu­schauern mit solchen acht­los dahin­ge­schluderten Text­chen zumutest. Zu­mindest sollte ein zweites Paar Augen hin­zu­ge­zogen werden, um zu ver­hindern, dass so ein Un­sinn auf Sen­dung geht. 


 

Beitragsservice

Apr. 2013

Die Gebühreneinzugszentrale (abgekürzt GEZ) wurde um­benannt in „ARD ZDF Deutsch­land­radio Bei­trags­service“ (keine Ab­kürzung).

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Wenn ich das Wort Service höre bzw. lese, dann denke ich an Dienst­leistung. Je­mand bietet mir einen Service an, das heißt, er bietet mir an, einen Dienst zu er­bringen. Welchen Dienst bietet mir der ARD ZDF Deutsch­land­radio Beitrags­service an?
Sehr geehrter Herr Soltau,
Ihre Rundfunkgebühren sind am ... fällig.
Bitte zahlen Sie den Gesamtbetrag von [um die fuffzich] Euro.
Vielen Dank.

Von Service keine Rede. Der selbe Text wie wei­land bei der GEZ. Bei der er­kannte man auch schon so­fort am Namen, worum es geht: Ge­bühren (sind fällig, zahlen!) Ein­zug (ein­ziehen, ein­treiben, her damit!) Zentrale (alles landet auf einem großen Haufen).

Heute macht den größten Teil des Namens das Deutsch­land­radio aus, das ver­mutlich maxi­mal 0,5 bis 1 Pro­mille der deutschen Rund­funk­teilnehmer schon ein­mal ge­hört haben. Und der zweite größere Be­stand­teil ist der Bei­trags­service – der be­kannt­lich keiner ist, da mir ja schließ­lich keine Dienst­leistung an­ge­boten wird.

Einen Pro­gramm­service könnte ich mir als Be­griff viel­leicht noch vor­stellen, aber damit wären dann ja die Dienst­leistungen von ARD, ZDF und Deutsch­land­radio ge­meint und nicht deren willige Schergen, die mein hart er­arbeitetes Geld kassieren wollen. Bei­trags­service ist ein Euphe­mismus, eine Blend­granate, dreistes­tes Dumm­deutsch. Ich will sofort wieder meine gute alte, büro­kratische, obrig­keits­staatliche GEZ zu­rück­haben! 


 

Aufgehangen

Feb. 2013

Gestern ist es wieder passiert: Ein falscher Mausklick und schwups – hat sich der Rechner auf­ge­hangen!

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Schwups – da ist es schon wieder passiert: gehangen und gehängt durcheinander gebracht! Das passiert besonders in nieder­rheinischen Gefilden sehr leicht und hängt mit dem ripuarischen Dialekt zusammen. Opje­hange ist das dortige Wort für auf­gehängt, und so dringt es auch ins Stan­dard­deutsche vor.

Keine Ver­wechselungs­gefahr besteht, wenn man sich klar macht, dass es zwei ver­schiedene Verben namens hängen gibt: Ein tran­sitives, schwach ge­beugtes und ein in­tran­sitives, stark gebeugtes.

Ich hänge den Mantel in den Schrank
Der Mantel hängt im Schrank

Im Präsens fällt dieser Unterschied nicht weiter auf. Im Perfekt jedoch unter­scheiden sie sich deutlich voneinander:

Ich habe den Mantel in den Schrank gehängt
Der Mantel hat im Schrank gehangen

Jemanden oder etwas hängen ist transitiv und das Partizip Perfekt dazu lautet ge­hängt. Hängen ohne aktives Zutun ist in­tran­sitiv und das Partizip Perfekt dazu lautet ge­hangen. Ein­facher gesagt unter­scheidet man zwischen Tätig­keiten...

gehängt haben Gegensatz zu gestellt haben
aufgehängt haben Wäsche, Schlüssel
abgehängt haben Wohnwagen, Mitwettbewerber
verhängt haben Urteil, unfertiges Gemälde

...und Zuständen

gehangen sein Gegensatz zu gestanden sein
herabgehangen sein Glockenschwengel
abgehangen sein Rindfleisch
verhangen sein Himmel im Herbst

Sätze wie „isch han d’r Mantel in d’r Schaaf jehange“ sind im Ripuarischen völlig korrekt, im Stan­dard­deutschen sollte man jedoch sagen: „Ich habe den Mantel in den Schrank gehängt“. 


 

Mund-zu-Mund-Propaganda

Jan. 2013

Mund-zu-Mund-Beatmung kennt jeder, der einmal an einem Erste-Hilfe-Kurs teil­ge­nommen hat.

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Die Bezeichnung ist ja auch völlig korrekt. Ein Mund wird auf den anderen gepresst und Atemluft wird eingeblasen. Das hilft dem Verletzten, Sauer­stoff in sein Blut zu bekommen. Zwar wurde zwischen­zeitlich auch einmal die Mund-zu-Nase-Beatmung propagiert, aber der ur­sprüngliche Name hat sich erhalten.

Und wie sieht es denn nun mit der Mund-zu-Mund-Propaganda aus? Wie spricht sich etwas herum? A spricht in den Mund von B, B in den von C und so fort? Soweit ich das beurteilen kann, spricht man doch wohl eher in ein Ohr als in einen Mund. Woher kommt also bloß dieses schiefe Bild? Es ist mit allergrößter Wahr­schein­lich­keit genau so ein volks­etymo­logisches Mysterium wie der Quantensprung.

Ist das denn nötig? Bleiben wir doch, liebe Mitmenschen, insbesondere liebe Journalisten, bitte bei der Mundpropaganda, dann hängt auch das Bild wieder gerade. Es wird etwas propagiert (lat. propagare „weiter ausbreiten, erweitern”), und zwar mündlich, im Gegensatz zu schriftlicher oder bildlicher Propa­ganda. Ein ein­leuchtender und nebenbei auch viel kürzerer Begriff!


 

Gewöhnlich

Dez. 2012

„An so niedrige Temperaturen bin ich nicht gewöhnt“ sagten manche im ver­gangenen Winter. Oder „Ich bin es nicht ge­wohnt, dass man mich duzt.“ Was sagt man denn nun – und in welchem Falle nicht?

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Erinnern Sie sich noch an die Mikrosekunden-Entscheidung zwischen nutzen und nützen? Etwas ähnliches geschieht bei gewohnt und gewöhnt. Auch dieses ist wieder eine Ent­scheidung, die man nur bewusst treffen kann, andern­falls besteht nur eine 50:50-Chance, den richtigen Begriff zu er­wischen. Und hat man sich die Regel einmal eingeprägt, dann muss man üben, üben, üben. Hier also die Unter­scheidung:

Man ist etwas gewohnt, das man kennt, das einem gut von der Hand geht, das man immer wieder tut – egal ob gern oder ungern. Das bezieht sich nie auf Personen.

Jemand kann gewohnt sein, täglich zur Arbeit zu gehen, nach dem Essen das Geschirr zu spülen, im Winter kalte Füße zu haben oder geduzt zu werden.

Man ist an etwas gewöhnt, wenn man es zunächst nicht kannte, es dann aber allmählich immer besser kennen­gelernt hat und es schließlich schätzt oder sich damit abfindet. Das kann sich auch auf Personen beziehen.

Jemand kann an den Ehepartner, an alkoholfreien Sekt, an niedrige Temperaturen im Winter, oder an die Anzüglichkeiten des Chefs gewöhnt sein.

Wichtig für die Mikrosekunden-Entscheidung: gewöhnt ist immer mit an gepaart.

Klingt einfach, ist es auch; nur die Zeit, die einem für eine Entscheidung zur Verfügung steht, ist arg begrenzt. Daher sollte man sich vorab schon einmal damit beschäftigt haben, um sich daran zu gewöhnen. Dann ist man im Ernst­fall den richtigen Gebrauch gewohnt. 


 

Liebe Hobbyköche,

Nov. 2012

schaut doch noch mal ganz genau auf die Packungs­aufschrift: Das Zeug heißt GELATINE und nicht Gelantine!

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Woher kommt denn nur dieses zusätzliche n? Vielleicht lässt sich Gelantine einfacher sprechen? Kann ich mir ehrlich gesagt kaum vorstellen. Oder hat die Mama früher auch schon immer das Extra-n benutzt? Dann ist es aber all­mählich an der Zeit sie zu be­suchen (soweit noch möglich), sie fest in den Arm zu nehmen und zu sagen: „Mama, wir müssen reden...“

Wie man es auch betrachtet, es ist einfach eine Nach­lässigkeit, achtloser Um­gang mit der Mutter­sprache. Jeder, der schon einmal sein leckeres italienisches Eis in einer Gelateria gekauft hat, der kann sich vorstellen, dass auch die Gelatine ursprünglich etwas mit gelieren, Gelee und Gelato zu tun hat. Es kommt von la­teinisch (was sonst?) gelare, „stocken, gefrieren“ und hat sich dann über italienisch gelare, „stocken, gefrieren“ zu fran­zösich géler und deutsch gelieren entwickelt.

Das Partizip Perfekt von gelare ist gelato also „gefroren“. Die Endsilbe -ine kam dann im Fran­zösi­schen als Indikator für etwas Weib­liches, auf die Küche Be­zoge­nes dazu – vergleiche hier­zu auch Marga­rine, Pra­line und Galan­tine. Die Be­stand­teile sind also Gelat- und -ine. Kein zusätzliches n.

Kann man sich doch merken, oder?

Übrigens, die Galantine (gefüllte, entbeinte ganze Tiere – Obelix lässt grüßen), über die ich gerade so galant hinweg­ge­gangen bin, kommt natürlich auch aus dem La­teini­schen - genauer gesagt aus dem Vul­gär­lateini­schen galare, „stocken, gefrieren“ und müsste demgemäß eigentlich Galatine heißen. Auch die Fran­zo­sen haben also irgendwo entlang des etymo­logischen We­ges ein un­definiertes n aufgelesen.

Gerade habe ich einmal bei Google gesucht: 7.310.000 Einträge für Gelatine, 264.000 für Gelantine. Darunter auch dieser: Nur Dillentanten sagen Gelantine.

Ich frage mich, wann die Gela-n-tine endlich im Deutschen Duden auftaucht. 


 

Mit Quantensprüngen zum Meilenstein

Okt. 2012

Neu­lich erst wurde im Fern­sehen über einen Quanten­sprung in der Ent­wicklung un­sink­barer Bade­enten be­richtet. Ganz schön be­deut­sam, oder?

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Schauen wir doch einmal nach, was denn ein Quanten­sprung überhaupt ist. Ein Quanten­sprung ist laut Wikipedia „der Über­gang von einem quanten­mechanischen Zustand in einen anderen“. Das klingt zunächst sehr wissen­schaftlich und wenig ein­leuchtend. Man könnte auch sagen, der Quanten­sprung sei die kleinst­mögliche Änderung eines Energie­zustands – was schon nach ziemlich wenig klingt. Ist es auch: Eine kleinere Energie­differenz gibt es in unserem Universum nicht.

Betrachten wir nun also einmal die Quantensprünge, die uns die Journaille so täglich um die Ohren schlägt. Darin geht es stets um riesige Fort­schritte, um Meilen­steine in der Wissen­schaft, um globale Lösungen in der Politik, etwas Epochales, alles in den Schatten Stellendes.

Das passt doch irgendwie nicht recht zusammen. Der kaum mess­bare, sub­mikro­skopische Hüpfer eines Elektrons von einem Energie­niveau aufs nächste dient der Be­schrei­bung kolos­saler Um­wälzun­gen auf unserem Planeten. Wie das? 

Es wird sich wohl um eine volks­etymologische Um­deutung handeln: Der Quanten steht um­gangs­sprach­lich für einen sehr großen Schuh, einen Qua­drat­latschen eben. Man stelle sich einen Gi­ganten mit rie­sigen Schlap­pen vor, einen Titanen mit Sie­ben­meilen­stiefeln, die Sonne ver­dunkelnd, mühe­los bis zum Hori­zont springend; die Erde bebt, nichts kann ihn auf­halten. Voilà: der Quan­ten­sprung.

Interessant ist auch, dass der Begriff Quanten­sprung in der Physik und a­nge­schlos­senen Wissen­schaften ungern und kaum noch genutzt wird, da er „die falsche Vor­stellung eines instan­tanen Über­gangs suggeriert. Korrekt ist hin­gegen die Vor­stellung, dass der Über­gang zwar eine end­liche Zeit be­nötigt, über den Zu­stand des Sys­tems während dieser Zeit aber grund­sätz­lich nichts aus­gesagt werden kann“ (Wikipedia). Man spricht heute all­ge­mein von Über­gängen, ein Be­griff, der eher an Zebra­strei­fen als an über­dimen­sionale Fuß­be­klei­dung er­innert. 


 

Übrigens, Fa. Thomy,

Sep. 2012

Eure Plakataktion mit der etwas ver­schwommen auf­ge­nommenen Senf­tube und der Unter­schrift «Senf. Mittel­scharf. Thomy.» ist ein­fach ganz große Klasse!

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Wollte ich nur mal eben anmerken. Weiter so!

 Thomy(Abbildung aus den Tiefen des www)

Nun habe ich aber bei Horizont.net, einem Portal für Marketing, Werbung und Medien, gelesen, dass die Jury, die dieses Plakat Ende 2012 aus­gezeichnet hat völlig inkompetent sei. Das möchte ich so nicht stehen lassen. Sicher steht niemand grübelnd vor dem Plakat, bis er von der Er­kenntnis über dieses tolle Wort­spiel über­mannt in den nächsten Super­markt eilt, um sich eine Tube vom Guten zu kaufen.

Aber: Ich finde, dass es sich hier um intelligent gemachte Werbung handelt, die – mich zumindest – anspricht. Und wo gibt es so etwas heute noch im tristen all­täglichen Werbe-Einerlei?

Außerdem meine ich, dass die Thomy-Werbung in etwa den gleichen Auftrag hat wie Reklame für die Bild-Zeitung: Jeder kennt sie, aber manch­mal macht der Springer-Verlag dennoch Wer­bung für das Schund­blatt, um in den Köpfen der Ziel­gruppe präsent zu bleiben. Ähnlich verhält es sich wohl mit diesem Pla­kat: Jeder kennt den Senf, aber ab und zu braucht es eine Er­inne­rung, hallo, es gibt uns noch. Und wenn die so gut gestaltet ist wie im vor­liegenden Fall, dann nehme ich das mit schmun­zelndem Wohl­wollen zur Kenntnis. 


 

Lieber Xavier Naidoo,

Aug. 2012

Entschuldige, bitte, dass ich es so drastisch ausdrücke, aber: Deine Texte gehen mir tierisch auf den Sack!

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Nehmen wir z.B. die folgenden Liedzeilen*:
Und was wir alleine nicht schaffen
Das schaffen wir dann zusammen
Nur wir müssen geduldig sein
Dann dauert es nicht mehr lang

Die ersten zwei Zeilen sind von naiv floskelhafter, gleichzeitig verschwurbelt transzendenter, man möchte fast schon sagen brunzbanaler Selbst­verständ­lich­keit beseelt. Das in etwa synonyme „Viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende“ kennen die meisten von uns bereits seit dem Vorschulalter.

Die dritte und vierte Zeile ergeben hingegen noch nicht einmal ansatzweise Sinn. „Wenn wir geduldig sind, dann dauert es [was auch immer] nicht mehr lang“ würde im Um­kehr­schluss doch bedeuten: „Wenn wir ungeduldig sind, dann dauert es noch lang“, oder: „Durch warten geht alles schneller“, oder noch all­gemeiner: „Nachts ist es kälter als draußen“. Wenn Du das auf Deine un­nach­ahmlich larmo­yante Art ins Mikro­fon näselst, dann hältst Du das ver­mutlich für extrem tief­sinnig, oder?

Weiter geht’s*

... haben wieder Wind in den Segeln
Und es spricht jetzt nichts mehr dagegen
Unser Ziel zu erreichen denn viele
Zeichen zeigen wir sind überlegen
weil wir auf dem richtigen
Weg sind auch wenn uns
Gerade Probleme begegnen
Wir überstehn den Regen
Werden die Nerven bewahren und es irgendwie regeln
So wie wir's immer getan haben
Doch ohne inneren Fahrplan
Wär'n wir verloren und müssen einsehen
Dass wir uns im Kreis drehen so wie in einer Kartbahn
...

Et cetera, et cetera ad nauseam. Und was uns an Plattitüden nicht einfällt, das bauen wir dann in den nächsten Song ein. Segeln, dagegen, überlegen, begegnen, Regen, regeln – passt schon (reim dich oder ich beiß dich). Viele Zeichen – ja ja. Auf dem richtigen Weg – klar, was denn sonst. Nerven bewahren und regeln – meine Rede. Der innere Fahr­plan – End­station Himmel­reich, wie ich Dich Jesus­jünger so kenne. Und dann noch die Kart­bahn – das war ja mal ein wirklich origi­neller Ein­fall, da muss man erst­mal drauf kommen. Nein wirklich, Xavier, das ist ganz, ganz großes Damen­tennis – oder, wie es ein Leser­brief­schreiber in der FAZ so schön formu­lierte: „fade Primaner­lyrik“.

Unbearbeitetes Paste-and-Copy-Zitat aus dem (leider ein­ge­stellten) Blog von twentysixseven:

**** schreibt am 19.11.2006 um 16:41 Uhr:
„Dieses Lied ist einfach der hammer ! Und der Sänger sowieso ! Man kann keinen Sänger mit ihm vergleichen ! Seine Texte sind einfach so was von emotional !Immer wenn ich das neue Lied " Was wir allein nicht schaffen, dass schaffen wir dann zusammen " höre werd ich voll Nachdenklich und muss zum Teil auch weinen !“

Was lernen die Leute (von Rechtschreibung und Interpunktion mal ganz abgesehen) heute eigentlich noch in der Schule oder zu Hause, dass sie so etwas gut bzw. hammer finden? Ich gehe jetzt erst einmal nachdenken – und zum Teil auch weinen.


*Alle Zitate aus Xavier Naidoo: „Was wir alleine nicht schaffen“.

Je länger je lieber

Jul. 2012

„Je schneller du gehst, je eher bist du wieder hier“, empfiehlt die Mutter dem Sohn, der noch schnell sechs Eier kaufen soll, dazu aber wenig Lust hat.

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Oder heißt es umso? Je schneller du gehst, umso eher bist du wieder hier. Nein, das klingt auch irgendwie verkehrt. Unser aller Duden, das Fähnlein, wie immer, hart an Volkes Stimme Wind, erklärt es für zulässig.

Im Deutschen gibt es jedoch das Paar  je/desto. Mit dem funktioniert es einwandfrei, es klingt vertraut und es entbehrt auch nicht einer gewissen Eleganz: Je schneller du gehst, desto eher bist du wieder hier. So sollte es sein.

Mit umso kann man übrigens noch andere Paarkonstrukte wie umso/als oder umso/weil bauen. Das klingt dann aber reichlich gestelzt. Duden-Online bietet uns folgendes Beispiel an: „diese Klar­stellung ist umso dring­licher, als/weil es bisher nur Gerüchte gab“. Das kann man so sagen, klingt aber eher nach Polit­sprech.

Was ist denn nun aber mit Jelängerjelieber? Das ist die Trivialbezeichnung für das Gartengeißblatt (Lonicera caprifolium) und stammt wohl noch aus einer Periode, in der Konrad Duden noch nicht die Allein­herr­schaft über die deutsche Sprache aus­übte. Und wie sagt schon der Volks­mund? Je öller je döller.


 

Jetzt ...

Jun. 2012

Herr Meier vom Fernsehen braucht eine Werbe­pause, aber er ver­abschiedet sich nicht ohne eine Vor­schau auf kommende Sen­sa­tionen, die „jetzt – live in Akte“ be­vorstehen.

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Wieso jetzt? Jetzt passiert doch gar nichts. Jetzt ist erstmal Werbung. Jetzt ist Zeit zum Bierholen oder das Gegen­teil davon. Das gesuchte Wort heißt gleich. Nicht jetzt.

Schon oft ist es in der Geschichte der Deutschen Sprache geschehen, dass sich der Sinn eines Wortes verändert, ja manchmal gar in sein Gegen­teil ver­kehrt hat. Zum Bei­spiel das Wort toll. Es be­zeichnete einst einen ab­normalen Geistes­zu­stand – die Toll­kirsche kündet heute noch davon. Auch geil hat sich in seiner neuen Be­deu­tung durch­gesetzt – früher be­deutete es sexuell erregt, lüstern bei Tieren, oder üppig, aber kraftlos wachsend bei Pflanzen. Nun also wandelt sich auch das Wort jetzt, und zwar zu später, im An­schluss an die Werbung. Jetzt, damit die Zu­schauer dran bleiben. Jetzt nicht weg­schalten, denn jetzt geht's schon weiter ...

Mal im Ernst: hält man den Zuschauer für so beschränkt, dass er sich durch das jetzt vor der Matt­scheibe fest­halten lässt? Dann muss man ihm aber auch zu­billigen, maß­los ent­täuscht um­zu­schalten, weil ja jetzt doch nichts passiert, außer Wer­bung. Ein ehrliches gleich hätte ihn viel­leicht bei der Stange gehalten.


 

Die beste Alternative

Mai 2012

Für die Überwindung der Krise gibt es diverse Alter­nativen. Welche ist die beste? Kennen Sie welche? Nein? Ich auch nicht.

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Es kann nämlich immer nur eine Alternative geben. Das Wort alternativ definiert der Kluge – etymologisches Wörter­buch der Deutschen Sprache fol­gen­der­maßen:
...zwischen zwei Möglich­keiten die Wahl lassend, eine zweite Mög­lich­keit bildend [...] aus l. alter ‚der andere’...

Warum also wird ständig von mehreren Alter­nativen gesprochen? Richtig! Der Ami war's. Dem geht Latein näm­lich am Aller­werte­sten vorbei, und der macht sich seine Welt widde­widde wie sie ihm gefällt. Des­halb gibt es dort die Alter­native eben auch im Plural. Und der Deutsche plappert's dem Ami halt gerne nach.

Wenn es denn schon ein Fremd­wort sein muss, warum nicht Optionen? Davon kann es un­end­lich viele geben. Oder viel­leicht Möglich­keiten? Nein, keine alter­nativen Möglich­keiten – ein­fach nur Möglich­keiten. Die deutsche Sprache ist sehr präzise.

Aber auch die Alternative hat Optionen: Gegen­ent­wurf, Gegen­modell, Gegen­vor­schlag, Wahl­möglich­keit. Von Alter­nativ­losig­keit kann, zu­mindest hier, nicht ge­sprochen werden.


 

Was ist dass den?

Apr. 2012

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Kaum je­mand bekommt das mit dem Dass noch richtig hin.

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Wenn man so in Foren stöbert, oder auch bloß die FAZ oder Spiegel online liest, stolpert man ständig über das Kreuz mit dem Dass.

Drei Fehlerbilder lassen sich grob unter­scheiden:

  • Die einen be­nutzen grund­sätzlich das, ohne An­sehen der Funk­tion oder Stellung. Da­für habe ich in ge­wisser Weise so­gar Ver­ständnis. Es wäre bei der letzten Recht­schreib­re­form ein Leichtes ge­wesen, hier alle Zweifel aus­zu­räumen und nur noch das zu­zu­lassen. Aber das wäre dann wohl zu ein­fach ge­wesen.

  • Eine zweite Gruppe er­innert sich an­scheinend noch dunkel des Unter­richts in der Grund­schule. Haben wir dort nicht gelernt, dass man dass immer nach einem Komma schreibt? Das stimmt zwar manch­mal, aber nicht immer, dass das kann man hier schön sehen.

  • Die dritte Gruppe interessiert sich über­haupt nicht für Ortho­grafie und schreibt wie sie lustig ist. Mal groß, mal klein, mal mit Ein­fach-, mal mit Doppel­kon­so­nant, ganz wie’s be­liebt, einer inneren Stimme folgend – und das hört beim Dass noch lange nicht auf (siehe Über­schrift).

Dabei ist doch alles so ein­fach:

  • Als Artikel benutzt man das. Das Haus, das Auto, das Kind.

  • Kann man das durch welches oder dieses/jenes er­setzen, braucht man nur ein s.

  • In allen anderen Fällen steht dass.
„er sagte, dass das das Buch sei, das er gelesen hatte“ = „er sagte, dass dieses/jenes das Buch sei, welches er ge­lesen hatte“

Natürlich darf in Deutsch­land jeder so schreiben, wie es ihm beliebt – dagegen gibt es kein Gesetz. Aber ich meine, dass jeder, der so schreibt, sich und seiner Schul­bildung ein Armuts­zeugnis aus­stellt. Regeln ge­hören nun ein­mal zum Leben, und so schwierig ist das mit dem Dass ja nun auch wieder nicht – jeden­falls nicht halb so schwer wie die Ab­seits­regeln im Fuß­ball.


 

Hallo Fans!

März 2012

Fast jeden Abend vor der Tagesschau kurz vor acht Uhr schaut mich ein lustiger Schim­panse mit einer lustigen Brille an und ruft mit lustiger Stimme: „Hallo Fans!“

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Die Firma Trigema® treibt auf diese (wirklich außerordentlich originelle) Art Wer­bung für ihre in Deutsch­land her­ge­stellte Sport- und Frei­zeit­kleidung. Wer sie dabei be­raten haben mag, oder wer letzten­endes die Ent­schei­dung traf, diesen Hum­bug so und nicht anders zu ver­öffent­lichen, kann und will ich mir beim besten Willen nicht vor­stellen.

Erstmal: Ein Schimpanse? Findet heute noch irgend­jemand Menschen­affen lustig? In Vor-Fernseh-Zeiten, als Menschen noch auf Jahr­märkte gingen, oder in den Zirkus, um aller­lei drolliges und exo­tisches Getier zu be­staunen, da konnte man noch mit Fug und Recht einen Schim­pansen für lustig halten.

Zum Zweiten: Kann man so etwas noch schlechter filmen? Der Affe sitzt da, wahr­scheinlich an­ge­schnallt, damit er nicht weg­laufen kann, die Brille sitzt schief im Ge­sicht (woran soll sie auch halten), am be­haarten Leib trägt er Hemd und Kra­watte (die übri­gens nachweislich nicht von Trigema® sind). Und auf diese Weise art­gerecht ge­wandet schaut uns dieses be­dauerns­werte Tier einiger­maßen ge­lang­weilt an und kaut dabei Nüsse, um Sprech­bewe­gungen zu simulieren. Dass man das auch viel besser hin­be­kommen kann zeigen ein Schweinchen namens Babe oder ähn­lich lustige Spiel­filme, oder – um bei der Wer­bung zu bleiben – die un­ver­gessenen Brüll­affen von Toyoooota. Dort werden die Sprech­be­we­gungen mittels Computer­technik so hin­ge­bogen, dass sie auch zum Ge­spro­chenen passen.

Und dann: Der Text, die Botschaft, die Aussage. Mit hallo Fans begrüßte, wenn ich mich recht ent­sinne, Ilja Licht-Aus-Spot-An Richter in den Sieb­zigern seine Fan­gemein­de. Was aber ver­anlasst den Werbe­texter von heute an­zunehmen, dass so ein erbar­mungs­würdiger Primat Fans haben könnte? Wieso er­klärt mir ein Schim­panse (mit der Synchronstimme von Alf), dass er aus­schließ­lich Kla­motten von Trigema® kaufe? Davon ab­ge­sehen, dass Affen nicht sprechen können, brauchen sie auch gar keine Klei­dung!

Schließlich: Der Chef von dem Laden, der König von Burladingen, Wolfgang Grupp. Der stelzt wie ein Gockel mit stolz­ge­schwellter Brust durch die Rei­hen seiner Pro­duk­tions­stätte, eine Hand in der Ho­sen­tasche, die andere weist mit weiter Geste auf sein Reich von Näh­ma­schinen und (ver­mutlich krass unter­be­zahlten) Nähe­rinnen, wo­bei er über sichere Arbeits­plätze in Deutsch­land schwa­dro­niert.

Wer denkt sich eigentlich so einen Scheiß aus? Glauben die tat­sächlich, dass man mit solch ein­fältigen Methoden auch nur einen Fetzen mehr ver­kaufen kann? Lohnt es sich wirk­lich, für so einen Bock­mist Premium-Werbe­zeit bei der ARD zu kaufen? Ich bitte um Ver­zeihung, aber das löst bei mir Brech­reiz aus, da greife ich reflex­artig zur Fern­bedienung.


PS.: Dies stellt lediglich meine persönliche Meinung zu diesem Fernsehspot dar, nicht jedoch zur Fa. Trigema® oder deren Pro­dukten, zu denen ich keine Mei­nung habe.
PPS.: Ich glaube, ich wurde erhört: Der Affe ist Ende 2015 endlich in Pension gegangen. Danke!
PPPS.: Wir schreiben das Jahr 2017. Der Affe ist wieder da! Diesmal aber pro­fessio­nell (wenn auch nicht ori­ginell) in Szene ge­setzt. Er­barmen! Gebt dem Tier end­lich sein Gna­den­brot.
PPPPS.: Wie ich erfahren habe, handelt es sich nunmehr um eine 3D-Animation. Da­gegen habe ich nichts ein­zu­wenden. Die Wer­bung ist da­durch je­doch nicht einen Deut besser ge­worden.

Platzangst

Feb. 2012

Ich krieg hier drin Platzangst, hört man bisweilen im Auf­zug oder im über­füllten Bus. Will heißen: Ich habe Angst, weil hier so wenig Platz ist – aber ich sag's mal wissen­schaftlich.

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Schon in die Falle getappt: Die Platz­angst im wissen­schaftlichen Sinne* ist die Angst, große Plätze zu überqueren. Diese Angst ist allen Flucht­tieren gemein, die sich nur ungern auf weiten ebenen Flächen ohne Deckungs­möglichkeit aufhalten, da sie hier leichte Beute von Räubern werden könnten. Auch Menschen können aus den verschie­densten Gründen von dieser Agora­phobie befallen werden.

Die Angst vor engen Räumen, die Klaustro­phobie, ist jedoch viel weiter verbreitet unter uns Normal­verbrauchern. Niemand befindet sich gern mit vielen fremden Per­so­nen in einem engen Raum, und je älter man wird, desto schlimmer wird diese Ab­neigung – ich kann ein Lied davon singen. Und da es eine Angst ist, kann man sie nicht greifen, man kann ihr nicht be­geg­nen.

Furcht wäre einfach. Die hat man vor etwas Konkretem; vor Hunde­bissen, Insekten­stichen, Blut­ver­giftung. Dem kann man begegnen, indem man Gegen­maß­nahmen ergreift, sich von Hunden fern hält, feste, eng­an­liegende Kleidung trägt oder sich gegen Tetanus impfen lässt. Aber Angst – mit der muss man zum Psy­cholo­gen*. Davor hätte ich Angst – besonders bei vollen Warte­zimmern, da bekomme ich immer Platz­angst …


* ist Psychologie überhaupt eine Wissenschaft?

Nutzt nix

Jan. 2012

Gibt es einen Unterschied zwischen nutzen und nützen? Wenn ja, welchen? Und ist das wichtig?

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Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen: Nein. Es ist nicht wichtig. Aber man kann ja mal darüber nach­denken. Ist es Ihnen auch schon so er­gangen – man stolpert beim Sprechen plötz­lich und fragt sich (das passiert in Mikrosekunden), was muss ich denn jetzt ein­setzen: nutzen oder nützen? Meistens wird es dann doch nutzen, weil die Mikro­sekun­den nur so dahinrasen und der Sprach­fluss nicht unnötig unter­brochen werden soll.

Verantwortlich für diese Verunsicherung ist nicht das Sprachzentrum - das arbeitet völlig autark - sondern die nach­ge­schaltete Qualitäts­kontrolle, die alles, was unser Sprach­zentrum verlässt in Echt­zeit auf Irr­tümer untersucht, die im Sprach­zentrum eventuell schon fest verdrahtet sind. Trifft die QC auf einen Fehler, dann wird er bei minder­schweren Ver­gehen ignoriert, bei wichti­geren Dingen wird schon mal ein Pausenzeichen (Ähh) gesendet und alles zurück geschickt.

Nutzen also – und es folgt noch ein schnell verhallendes Nach­schwingen, ein schwer fassbarer Ge­danke, irgend­wann muss ich mich doch einmal damit be­fassen, und dann ist es auch schon wieder vorbei – das Ge­spräch geht weiter. Viel­leicht haben Sie sogar schon einmal benützen be­nutzt? Kann man – sollte man aber nicht.

Grammatikalisch handelt es sich in beiden Fällen um transitive, schwach ge­beugte Verben; das eine wird vom Dativ re­giert (wem nützen), das andere vom Akku­sativ (wen nutzen). Sie sind also sicher nicht iden­tisch. Wenn man sagt A nutzt B, dann be­zieht A den Nutzen von B. Sagt man jedoch A nützt B, dann be­zieht B den Nutzen von A. Es sind also eher Gegen­sätze als Sy­no­nyme. Jetzt wird auch klar, warum man nicht benützen sagen sollte – es er­gibt ein­fach keinen Sinn. Ähnlich un­sinnig ist ab­nützen oder aus­nützen. Auch der Spruch aus der Über­schrift ist natür­lich ver­kehrt. Es muss heißen es nützt nicht – aber wer sagt das schon?

Es nutzt nix – jeder redet, wie ihm der Schnabel ge­wachsen ist. Dass dieses Problem aber auch schon recht alt ist, zeigt der bereits lange be­kannte Nichts­nutz (der natür­lich nicht nützt). Der Unnutz hingegen hat durch­aus seine Da­seins­berech­tigung, da er eigent­lich ein Unnutzen ist. Ge­nau wie das Ad­jektiv unnütz, welches eine Ver­kürzung von unnützlich ist. Die eher exotische Nutz­niessung gibt es nur in der Schweiz (mit doppeltem s, weil das ß in Helvetien ab­ge­schafft wurde). Das Nutz­tier heißt so, weil wir es nutzen – genau so gut könnte es aber auch Nütz­tier heißen, weil es uns nützt. Der Nutzen ist es wiederum, der dem Nutzer nützt, welcher ihn nutzt.

Verwirrend? Nein – wenn man Zeit hat (z.B. beim Schreiben). Ja – wenn die Mikro­se­kunden ticken: Los jetzt! Ent­scheide dich! Was soll’s denn nun sein – und schon hast du mal wieder das falsche Wort … benützt … 


 

 

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